Es gibt wohl keine größere treibende Kraft im Menschen als den tief verankerten Wunsch, Glück zu erfahren und Leid zu vermeiden. Diese beiden Motive beeinflussen unser Denken und Handeln. Was der Einzelne unter „Glück“ versteht und zu welchen Strategien er greift, um eben jenes zu erfahren, wird durch seine konstitutionelle Anlage, seine kulturellen und familiären Prägungen und die daraus erwachsenen Glaubenssätze mit beeinflusst.

Die Suche nach Glück im Zeitalter der Informationsgesellschaft

Dass sich Glücksempfinden in der westlichen Alltagshektik immer seltener zeigt, davon zeugt die stets wachsende Glücksliteratur. Unzählige Methoden – darunter auch der Buddhismus und Yoga – wecken im Leser die Hoffnung, das verlorene Paradies wiederzufinden.
Warum kehren viele im westlichen Kulturkreis verankerte Menschen dem eigenen christlichen Glauben den Rücken, um in fremden Glaubenssystemen eine geistige Heimat zu suchen? Es könnte daran liegen, dass die westliche Welt aufgrund ihrer Entwicklungsgeschichte ihre spirituellen Wurzeln verloren, der Osten sie sich aber bewahrt hat.
Was aber kann der Yoga dem westlichen Menschen auf seiner Suche nach dem Glück bieten? Einiges! Vorausgesetzt, es kommt nicht lediglich zur unreflektierten Übernahme eines östlichen Systems, dessen Inhalte für unsere Kultur doch eher fremd sind. Allein mit dem Nachturnen von Körperübungen, dem Chanten unverständlicher Mantras oder dem Praktizieren anderer fremder Rituale wird man auf Dauer nicht selig werden. Zwar helfen die Körperübungen dabei, Spannungen zu lösen, was durchaus zweckmäßig ist, und auch das Abtauchen in eine von Räucherstäbchenduft geprägte andere, vermeintlich heilere Welt kann uns den Ballast des Alltags kurzweilig vergessen lassen. Aber bringt uns das dem großen Glück näher?

Ost und West – die Unterschiede der kulturellen Prägung

Der klassische Yoga wurde vor dem Hintergrund einer östlichen Kultur entwickelt, zu einer Zeit, als man in Indien noch in einem träumerischen, zeitlosen, einheitlichen Zustand lebte – völlig unberührt von den Widersprüchen unserer heutigen, westlichen Zivilisation.
Im Westen hingegen waren unsere Vorfahren immer schon mit wechselnden Jahreszeiten, Kälte, Wind und Regen konfrontiert, was ihr Seelenleben ganz anders prägte. Sie mussten ihr Überleben sichern. Der östliche Mensch dagegen wähnte sich noch lange eingebettet in ein Größeres und konnte seine Lebensumstände ganz der göttlichen Führung überantworten. Unsere Urahnen aber mussten im Überlebenskampf schon früh eine geistige und sinnliche Wachheit entwickeln und lernen, Ihre Wahrnehmungen und Strategien mithilfe eines klaren, bewussten Denkens zu ordnen. Die ganz anders gearteten Lebensumstände weckten in ihnen ein „Selbst-Bewusstsein“ und der Preis für diese Abspaltung aus der Einheit kann gewissermaßen als die „Vertreibung aus dem Paradies“ interpretiert werden.
Das hautnahe Erfahren, Ausgeliefertsein und Erleben der Naturkräfte weckte im westlichen Menschen den Forschergeist. Er entwickelte sich zum Entdecker, Wissenschaftler, Techniker – und in ihm keimte der Wunsch, die erfahrenen und erkannten Naturkräfte für sein Überleben zu nutzen.

Gefühlter Zeitdruck

Im Zuge dieser Entwicklung machte sich die Zeit geltend. Wo der Ostmensch immer noch im Zeitlosen träumte, lebte der Westmensch schon früh im Zeitlichen und plante sein (Über-)Leben. Die Erfahrung von Zeit macht uns unsere Vergänglichkeit bewusst, und da die Zeit ständig weitergeht, lässt sie der Seele keine Ruhe.
Der im hektischen Alltag gefühlte Zeitdruck ist die größte Seelennot des heutigen Menschen, auf dessen Hintergrund sich Gefühle der Sinnlosigkeit breitmachen.
Aber wir können der westlichen Welt nicht dauerhaft entfliehen und uns in die still-erhabene Zeitlosigkeit des frühen Ostens flüchten.

Im Außen ein Innen schaffen

Anstatt der Welt den Rücken zu kehren oder ins Kloster zu gehen, muss der Mensch in sich selbst eine Klosterzelle bauen, in die er sich regelmäßig zurückziehen kann. Einen Innenraum, den er regelmäßig mit Andacht betritt und mit Geist erfüllt, sodass sich der tiefere Sinn der vermeintlichen Sinnlosigkeit offenbaren kann.
Während solcher Aus-, oder „Innenzeiten“ kann die Seele auftanken, sodass der Mensch gestärkt und erfrischt daraus hervorgehen und sich erneut den weltlichen Aufgaben zuwenden kann.
„Mit Geist erfüllen“ – was heißt das? Der menschliche Geist ist viel mehr als eine materielle Masse mit einem hochkomplexen und milliardenfach verknüpften Netz von Nervenzellen, das all unsere mentalen Inhalte speichert und aktiv hält. Unser Geist hat auch die Fähigkeit, in uns unbekannte Tiefen abzutauchen (Unterbewusstsein), um überholte Glaubenssätze und Blockaden ans Licht zu holen. Diese Fähigkeit eröffnet uns die Möglichkeit der Selbstreflexion und Transformation. Ebenso kann unser Geist an eine universelle, „höhere Weisheit“ andocken (Überbewusstein), was vor allem für geistige Erneuerung und die Erlangung höherer Erkenntnisse wichtig ist.

Voraussetzungen für die Rückkehr nach Innen

Damit diese Zusatzfunktionen aktiviert werden können, braucht es eine bestimmte vorbereitende Ausrichtung. Wichtige Faktoren dafür sind Ruhe, Entspannung und Zentrierung, damit der Geist aus seinen Gewohnheitsbahnen austreten und über den Tellerrand blicken kann. Danach braucht es Disziplin, damit die Erkenntnisse nicht im Stadium der Erkenntnis bleiben, sondern auch Form annehmen dürfen. Und hier kommt uns endlich der tiefere Sinn der Yogapraxis zu Hilfe. Im ursprünglichen Yoga ging es in erster Linie um Bewusstwerden/Bewusstheit, was sich nur unter Achtsamkeit und im Entschleunigungsmodus einstellen kann. Achtsamkeit und Entschleunigung lassen sich sowohl über Körperarbeit wie auch über bewusste Atemführung und geistige Zentrierung bzw. Meditation erreichen. Darum auch die unterschiedlichen Yoga-Wege, damit jeder (s)einen eigenen Weg finden möge. Das größte Problem des Menschen sei sein (verwirrter) Geist, sagt der Yoga. Gerade in unserer an Aktivismus und Effizienz glaubenden westlichen Hochleistungsgesellschaft ist die Gefahr der geistigen Überflutung und Verwirrung enorm (ca. 60.000 Gedanken pro Tag überfluten das Gehirn westlicher Menschen täglich). Dass dieser geistige Marathon kontinuierlich an unseren Kräften zerrt, versteht sich von selbst – Burn-Out, Anfälligkeit für Infekte, Allergien und psychische Erkrankungen sind Zeichen davon. Die im Zuge unserer Entwicklung selbstgeschaffene Dauerhetze untergräbt auch unsere Träume und unser schöpferisches Potential. Und wenn diese wegfallen, bleibt uns nur ein reaktives Dasein als „Wiederholungstäter“, der zwar zweckmäßige Antworten auf selbstgeschaffene Probleme liefern kann, aber blind bleibt für sinnvolle, wahre Erneuerungen.

„Mehr Dinge immer schneller
zu tun, ist kein Ersatz dafür,
das Richtige zu tun.“
(Stephen Covey)

Den Geist zentrieren

Mithilfe der yogischen Methoden treten wir einen Schritt zurück und schaffen uns die nötigen regenerativen und geistig-kreativen Pausen im gehetzten Alltag, in denen unsere (Selbst)-Erkenntnisfähigkeit wachsen kann und Neues sich zeigen darf. Der Sanskritbegriff „Yoga“ heißt ursprünglich „Joch“, was sinngemäß „vereinen, verbinden und unter Kontrolle bringen“ meinte. Damit beschreibt der Yoga also einen Weg, der uns helfen soll, unseren materiellen, grobstofflichen, sterblichen Menschen wieder an unseren unsterblichen, feinstofflichen und höheren Menschen und an die unbedingte Seele rückzukoppeln. Erst über diese Wiedervereinigung kommen wir in unsere Mitte zurück, erfahren das Gefühl von Ganz-Sein und finden endlich jene ersehnte (innere) Ruhe, die der Glückseligkeit nahekommt.

„Wenn man seine Ruhe nicht
in sich findet, ist es zwecklos,
sie anderswo zu suchen.“
(Francois VI Duc de la Rochfoucauld)

Um den Bewusstwerdungsprozess zu unterstützen, hat Patanjali, der „Vater des Yoga“, einen methodischen Stufenplan entwickelt, den klassischen YogaÜbungsweg der acht Stufen. Dieser Übungsweg von Patanjali weist inhaltlich viele Parallelen zum Buddhismus auf. Wichtig ist, dass es sich dabei um eine Zusammentragung von altem, längst vorhandenem Wissen handelt. Patanjali hat es in eine systematische Form gebracht, damit wir trotz unser alltäglichen Verwicklungen zur inneren Einkehr finden. Die ersten Stufen benennen alltägliche Themen, z. B. wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um, wie mit mir selbst? Worin bestehen meine Antworten (Re-Aktionen) auf das Leben, energetisch, emotional und körperlich? In den letzten drei Stufen folgt dann die sogenannte „Königsdisziplin“. Dort geht es nicht mehr um das Erkennen und Arbeiten an meiner inneren und äußeren (Lebens-) Haltung, sondern um die aktive Schulung des Geistes und um Selbstverwirklichung. Ich zentriere mich, trainiere meine Konzentration, höre in die Stille.

Wenn wir uns wirklich auf den Yoga-Übungsweg einlassen, dann können wir:

• Körper und Geist gesund halten, damit wir unsere Aufgaben im Leben besser erfüllen können
• Ruhe in uns selbst finden und uns mit Gleichmut unseren Lebensaufgaben stellen
• uns vom Leiden/unseren Erwartungshaltungen befreien
• unsere (meist selbstproduzierten) Probleme durchschauen und lösen
• Mitgefühl/umfassende Liebe entwickeln und dadurch Beziehungen verbessern
• dauerhafte Achtsamkeit und Bewusstsein entwickeln
• das Gefühl unserer Verbundenheit mit allem wiederherstellen

„Die Dinge sind, wie sie sind.
Du bist es, der sie als schön
oder hässlich kennzeichnet.“
(Shri Ravi Shankar)