Stress ist zu einem unvermeidbaren Bestandteil des modernen Lebens geworden — doch er betrifft uns nicht alle auf die gleiche Weise. Aus ayurvedischer Sicht stellt Stress keine universelle Erfahrung dar, sondern ist immer in den Kontext der individuellen Konstitution (Prakrti) eingebettet. Eine faszinierende Perspektive, die erklärt, weshalb ein und dieselbe Situation bei Menschen zu unterschiedlichen Reaktionen führt und die natürlichen Bewältigungsmechanismen stark variieren.

Im Ayurveda wird Stress unter dem Begriff „Sahasa“ beschrieben und wird als ganzheitliches Problem verstanden, da der Mensch immer in seiner Gesamtheit betrachtet wird. Gesundheit wird in den klassischen Texten als Zustand des dynamischen Gleichgewichts zwischen Körper, Geist und Seele definiert. Stress kann dieses Gleichgewicht stören und betrifft daher nicht nur die mentale Ebene, sondern hat unmittelbare Auswirkungen auf somatische Prozesse und das gesamte bio-psycho-spirituelle System. So entsteht Stress oft im Geist (z. B. durch Sorgen, Ängste), beeinflusst aber unmittelbar den Körper (z. B. die Verdauung oder das Immunsystem) und kann damit auch die seelische Balance beeinträchtigen.

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Prakrti und Stressverarbeitung

Die individuelle Konstitution entsteht bereits zum Zeitpunkt der Empfängnis durch die spezifische Kombination von Doṣas (Vāta, Pitta, Kapha). Sie prägt physiologische, psychologische sowie verhaltensbezogene Merkmale eines Menschen. Sie beeinflussen, wie wir aussehen, ob wir eher zierlich oder kräftig gebaut sind, ob wir zielstrebig und ehrgeizig durchs Leben gehen, Behaglichkeit und Routinen bevorzugen oder lieber analytisch bzw. kreativ denken. Je nachdem, welches Doṣa bei uns tendenziell dominiert, reagieren wir unter Stress eher mit Angst, Unruhe, Schlaflosigkeit, Wut oder Rückzug.

Kenntnis der eigenen Prakrti erleichtert es, die persönlichen Grenzen zu erkennen, Bedürfnisse adäquat wahrzunehmen und gesundheitsfördernde Maßnahmen im Einklang mit der eigenen Natur umzusetzen. Man fühlt sich seinem Selbst näher, ohne im Außen nach Orientierung suchen zu müssen.

Dieses Wissen können wir auch im Umgang mit Stress nutzen, indem wir unsere wahre Natur nicht bekämpfen, sondern in schwierigen Situationen im Einklang mit ihr leben und daraus Kraft schöpfen. Oft wirkt es bereits stressmindernd, wenn wir aufhören, falschen Selbstbildern nachzujagen, und uns stattdessen ehrlich begegnen und uns annehmen.
Eine Studie am Datta Meghe Ayurvedic Medical College Hospital & Research Center (Nagpur, 2020) bestätigte den Zusammenhang zwischen Prakrti und der Stressregulation. Die Fähigkeit, auf Stress zu reagieren und zu bewältigen, variiert signifikant je nach dominierendem Doṣa.

Manifestationen und therapeutische Ansätze

Vāta -dominierte Konstitution

Personen mit einer überwiegenden Vāta-Prakṛti zeichnen sich durch Beweglichkeit, Sensitivität und Kreativität aus, sind jedoch aufgrund der leichten, trockenen und wechselhaften Natur dieses Doṣas besonders empfänglich für externe Reize. Das fördert einerseits die empathischen Fähigkeiten, aber bei einem „Zuviel von allem“ (z. B. Lärm, Sonne, Reden, Aufgaben) können Vāta-dominierte Menschen auch ziemlich empfindlich reagieren, so dass eine Überaktivität des Nervensystems unmittelbar die Folge ist. So tendieren sie unter Sāhasa zu übermäßiger mentaler Aktivität (cintā), Nervosität, Ängstlichkeit, Schlafstörungen oder Konzentrationsminderung. Häufig treten auch körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel, Verspannungen oder Verdauungsstörungen auf.

Aufgrund dieser angeborenen Prädispositionen fällt Vāta der Umgang mit Stress oft schwerer, was ihn für stressbedingte Krankheiten anfälliger macht. Therapeutisch stehen Maßnahmen im Vordergrund, die Stabilität und Wärme fördern. Dazu zählen regelmäßige Tagesroutinen (Dinacarya), Ölanwendungen (Abhyanga) sowie nährende, warme und ölige Speisen. Das kann heißen, sich in eine Decke zu kuscheln, eine Tasse warmen Kräutertee zu genießen, eine wohltuende Massage zu nehmen oder eine ruhige Meditation zu machen. Kleine Rituale helfen, das unruhige Vāta zu entspannen und ins Gleichgewicht zu bringen. Alles, was dem Alltag Struktur verleiht und ein Gefühl von Sicherheit schafft, unterstützt das Nervensystem. Nährende Impulse wie sanfte Musik, Spaziergänge in der Natur, harmonische Yogasequenzen oder beruhigende Atemübungen (z. B. Nadi Sodhana) sind eine Wohltat für Vāta-Menschen.

Pitta-dominierte Konstitution

Individuen mit einer dominanten Pitta-Prakṛti verfügen über eine hohe Zielstrebigkeit, Organisationsfähigkeit und einen ausgeprägten Intellekt. Unter Stress reagieren sie jedoch häufig mit Gereiztheit, Ungeduld und einem verstärkten Drang, Kontrolle zu behalten. Stress wird als eine Herausforderung gesehen, die dank des starken Selbstvertrauens aktiv bekämpft oder gelöst werden muss. Das vegetative Nervensystem tendiert hier zum Fight-Modus, was den Stress zusätzlich verstärkt. Somatisch kann sich die „heiße“ Physiologie eines Pitta-dominierten Menschen auch in Symptomen wie Sodbrennen, entzündliche Prozesse oder Durchfall manifestieren.

Empfohlen sind Aktivitäten, die helfen, überschüssige Hitze und Spannung abzuleiten: in akuten Situationen der Wut sind Bewegungsarten wie Laufen oder dynamisches Yoga-Asana optimal, um überschüssige Stresshormone abzubauen. Anschließend sind moderate Bewegung in der Natur, kühlende Atemtechniken (Śītālī, Bhrāmarī) und beruhigende Meditationen besonders ausgleichend. Ideal sind Aktivitäten wie leichte Gartenarbeit, die durch den Kontakt mit Erde und Natur harmonisierend auf den Geist wirken. Eine Pitta-balancierende Ernährung, die bitter, süß und adstringierend ist, unterstützt zusätzlich die Regulation.

Kapha-dominierte Konstitution

Menschen mit einer vorherrschenden Kapha-Prakṛti sind durch Stabilität, Geduld und emotionale Ausgeglichenheit gekennzeichnet. Sie reagieren langsamer auf Stress und zeigen zunächst eine hohe Resilienz. Bei anhaltender Belastung kann jedoch eine Tendenz zu Rückzug, Trägheit, Prokrastinieren oder kompensatorischem Essverhalten entstehen, was langfristig zu Gewichtszunahme und einer Verstärkung von Kapha-Eigenschaften führt. Auch ein übermäßiges Schlafbedürfnis wird häufig beobachtet.

Hier gilt es, durch anregende Maßnahmen neue Dynamik zu erzeugen: körperliche Aktivität (Sport, Spazierengehen in der Natur, Tanzen), aktivierende Yogaformen (z. B. Kapālabhāti) sowie eine leichte, stoffwechselanregende Ernährung mit scharfen und bitteren Geschmacksrichtungen helfen, Kapha zu reduzieren. Zudem kann das bewusste emotionale Ausdrücken durch Schreiben, Malen oder Gespräche dazu beitragen, psychische Belastungen zu verarbeiten.

Vor dem Hintergrund einer zunehmend reizüberfluteten Umwelt erhält ayurvedische Prävention und Therapie eine besondere Bedeutung. Allgemeine Empfehlungen zum Stressmanagement bieten eine wertvolle Grundlage, doch nachhaltiger sind Ansätze, die individuelle Prakṛti und damit persönliche Stärken und Schwächen berücksichtigen. Das ayurvedische Modell erlaubt eine differenzierte, personalisierte und naturverbundene Perspektive auf Gesundheit: Wer seine Konstitution kennt, muss nicht gegen die eigene Natur ankämpfen, sondern kann lernen, in Harmonie mit ihr zu leben.

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Ebru Ernesti
Author: Ebru Ernesti

Ebru Ernesti verfügt über eine Ausbildung in Yogalehre, ayurvedisch-orientiertem Mental Coaching und Resilienzmanagement. In ihrer Arbeit als Dozentin für integratives Resilienz-Training und Ayurveda kombiniert sie ganzheitliche Ansätze mit wissenschaftlichen Erkenntnissen.