Zwei Wege, die sich gegenseitig ergänzen

In unserer heutigen stressgeplagten Zeit haben sich Yoga und Ayurveda immer mehr verbreitet, inzwischen sind es in Deutschland ca. 6 – 8 Millionen Menschen, die sich mit diesen Systemen aktiv beschäftigen. Beide Ansätze bieten einen Weg zu mehr Ausgeglichenheit, Harmonie und Freude an. Aber wie unterscheiden sie sich? Gibt es Widersprüche oder stimmen beide überein?

In der altindischen Tradition sind Yoga und Ayurveda eigene Traditionen, die sich in vielen Aspekten gegenseitig befruchtet und bereichert haben. Sie sind wie Geschwister, die zusammengehören, aber doch unterschiedliche Blickwinkel aufweisen. In der neueren Zeit sind beide Systeme eine enge Verbindung eingegangen, in nahezu allen indischen Ayurveda-Kliniken wird Yoga unterrichtet. Ebenso veranstalten viele Yogazentren und Yogalehrer Kurse in gesunder Lebensführung nach den Prinzipien des Ayurveda.

Schwerpunkt des Ayurveda ist die Balance auf der körperlichen Ebene, Schwerpunkt des Yoga ist die Balance auf der geistigemotionalen Ebene. Auch wenn bei den Yoga-Übungen (Asana) der Körper eingesetzt wird, so dienen diese Übungen – neben ihrem gesundheitlichen Nutzen – letztlich alle dazu, den Frieden im Geist hervorzubringen.

Die Konstitutionslehre

Jeder Mensch hat bekanntlich eine Grundkonstitution, die ihn sein ganzes Leben begleitet. Die Dominanz von Vata, Pitta oder Kapha sorgt für die dementsprechenden körperlichen Merkmale und bestimmt auch die Risiken für bestimmte Erkrankungen. Weniger bekannt ist, dass der Ayurveda auch geistige Doshas definiert. Hier gibt es aber nur zwei, nämlich Trägheit/Schwere (Tamas) und leidenschaftliche Aktivität (Rajas). Das dritte Prinzip (Sattva) ist die Ausgewogenheit selbst.

Die Einteilung in die geistigen Konstitutionstypen stammt aus der Samkhya-Yoga-Philosophie, wie sie zum Beispiel in der Bhagavadgita im 17. Kapitel ausgeführt wird. Hier stehen die verschiedenen Typen nicht gleichberechtigt nebeneinander wie die körperlichen Typen im Ayurveda, sondern sind Teil eines dynamischen Entwicklungsmodells. Die geistige Konstitution ist aus Sicht des Yoga nichts Feststehendes, sondern kann verändert und damit auch verbessert werden. Die Yoga-Praxis mit ihren geistigen Techniken der Meditation, ihren Atemmethoden und den körperlichen Übungen dient gerade dazu, Tamas und Rajas zu reduzieren und einen Zustand reiner Balance (Shuddha-Sattva) zu erreichen. Dem Menschen ist es möglich, geistige Freiheit zu verwirklichen und aus der inneren Stille heraus ausgeglichen zu bleiben, egal was im Leben auch passieren mag.

Der Ayurveda stimmt grundsätzlich damit überein, befasst sich aber nicht so intensiv mit den Methoden zur Reinigung des Geistes. Vielmehr geht es ihm primär um das gesunde Funktionieren der Körperregulation, die natürlich auf den Geist positiv zurückwirkt. Der Geist wird übrigens im Ayurveda meistens “Sattva” genannt, denn Ausgewogenheit ist der natürlichste Zustand des Geistes.

Wichtig ist es, die komplementäre Natur von Geist und Körper zu verstehen. Wenn man eine Zuordnung vornimmt, ergeben sich Paare mit ähnlichen Eigenschaften:

Vata – Sattva
Pitta – Rajas
Kapha – Tamas

Was auf der geistigen Ebene positiv ist, z.B. die geistige Flexibilität und Beweglichkeit von Sattva, zeigt sich auf der körperlichen Ebene als Instabilität von Vata, was bei der Entstehung der Krankheiten eine große Rolle spielt. Umgekehrt zeigt sich die geistige Langsamkeit von Tamas auf der körperlichen Ebene als ein positiver Wert; denn Kapha beinhaltet eine sehr stabile Konstitution, die nicht so leicht aus der Bahn geworfen werden kann. Vata-Menschen befassen sich viel mit ihrer Gesundheit, sie spüren ihr Ungleichgewicht, neigen manchmal auch zur Dramatisierung ihres Zustandes, wohingegen sich Kapha-Menschen häufig kaum um ihre Gesundheit kümmern. Sie fühlen sich fest im Sattel und sind es häufig auch. Bei guten Anlagen zeigen sich erst im fortgeschrittenen Alter die Folgen ihres Lebenswandels – wenn überhaupt.

Gesundheit und Krankheit

Der Geist kann auf der körperlichen Ebene viel durcheinander bringen; daher werden die lebenswichtigen körperlichen Funktionen vor dem Geist geschützt. Die Schrittmacherzellen des Herzens arbeiten autonom, und die Verdauung spüren wir eigentlich nur dann, wenn sie nicht mehr richtig funktioniert. Den Atem können wir uns zwar bewusst machen, aber die meiste Zeit des Tages spüren wir ihn nicht.
Je mehr es zu einem Anstieg von Vata kommt, desto mehr kommen wir aus dem Rhythmus – Unregelmäßigkeit ist ja ein Kennzeichen von Vata. Der Verlust des natürlichen Rhythmus beinhaltet zahlreiche Funktionsstörungen, die in den Organsystemen auftreten.

Der große gesundheitliche Nutzen von Yoga ergibt sich daraus, dass das vegetative Nervensystem durch Yoga-Übungen positiv beeinflusst wird. Hierzu liegen inzwischen zahlreiche Studien vor, die zeigen, dass Yoga für die Stressbewältigung eine sehr effektive Methode ist. Aus Sicht des Ayurveda kann man sagen, dass die geistige Ruhe, die sich aus dem Yoga ergibt, dazu führt, dass der Körper nicht mehr in seiner natürlichen Funktion gestört wird. Die Ursachen für die Entstehung psychosomatischer Prozesse – die ja den meisten Erkrankungen zugrunde liegen – werden durch Yoga beseitigt. Insofern unterstützt der Yoga den Ayurveda in dem Bestreben, die Gesundheit zu erhalten oder wieder herzustellen.

Darüber hinaus gibt es spezifische Techniken im Yoga, die gezielt für den Ausgleich einzelner Doshas und Subdoshas eingesetzt werden können, z.B. zur Stärkung des Verdauungsfeuers. Heute ist es üblich, die Wirkungen auf die Organe zu beschreiben, z.B. stärkt der Pfl ug (Halasana) die Schilddrüse, die Kobra (Bhujangasana) sorgt für bessere Verdauung und stärkt die weiblichen Geschlechtsorgane. Je mehr das Wissen um den Ayurveda vertieft wird, desto deutlicher wird man die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Yoga-Techniken und den Doshas erkennen. Gerade der Atem, der eine Brücke zwischen Seelischem und Körperlichem darstellt, kann hier gezielt eingesetzt werden, um den Körper zu harmonisieren.

Die Blickwinkel von Yoga und Ayurveda sind bei einzelnen Themen unterschiedlich. Bei der Ernährung zum Beispiel ist die Wirkung auf die körperlichen Doshas (Vata, Pitta und Kapha) anders als auf die geistigen. Ein Heilmittel wie zum Beispiel Knoblauch bzw. Zwiebel oder eine fermentierte Zubereitung mit Alkoholanteil kann körperlich heilsam sein, aber auf der geistigen Ebene evtl. Tamas oder Rajas stärken. Fasten kann den Geist frei machen, aber auf der körperlichen Ebene das Vata in zu großem Maße anwachsen lassen. Der Ayurveda ist im Allgemeinen kein Freund des Fastens, da es zu einer Schwächung des Körpers führen kann, was gerade im Krankheitsfall nicht erwünscht ist. Aus körperlicher Sicht ist eine krankheits- und doshabezogene Schonkost günstiger. Dies entspricht einem modernen Fastenkonzept, das in der Regel auch die Substitution von wichtigen Stoffen oder sogar nur ein Teilfasten vorsieht. Bei diesen Fragen gilt es, undogmatisch zu bleiben und die Wirkungen auf der jeweiligen Ebene sinnvoll abzuwägen.

Geistige Entwicklung

Die geistige Entwicklung des Menschen ist der Garant für Gesundheit und ein langes Leben. Ein Mensch, der einen Sinn in seinem Tun sieht, der von seinen Aktivitäten erfüllt ist, der sich entfalten und zu neuen Ufern aufbrechen kann, besitzt sehr gute Voraussetzungen, um gesund zu bleiben. Glücklichsein ist die beste Medizin. Und Glück entsteht aus dem Frieden des Geistes und kommt nicht von außen.
Bei den Lebenszielen zählt der Ayurveda in der Caraka Samhita drei Faktoren auf: Gesundheit, Wohlstand und die geistige Entwicklung. Wir sollten uns um alle drei kümmern:

  • um die Gesundheit durch eine ayurvedische Lebensweise kombiniert mit Meditation und Yoga,
  • um den Wohlstand, damit wir uns keine Sorgen um unseren Lebensunterhalt machen müssen; denn Existenzängste bedeuten immer Stress. Eine erfüllende Tätigkeit in der Welt macht Freude und ernährt uns.
  • um die geistige Entwicklung durch Selbsterforschung und Selbsterkenntnis. Meditation, ganzheitliche psychologische Therapien u.v.m. können uns da helfen.

Nur wenn wir uns um alle Ziele gleichermaßen kümmern, ist unser Leben in der Balance. Zu viel geistiges Streben kann den Körper erschöpfen und krank machen. Zu viel Streben nach Gesundheit lässt uns ängstlich und neurotisch werden. Zu viel Streben nach Wohlstand ist die Krankheit unserer heutigen Zeit. Die Menschen finden keine Ruhe mehr, weil sie sich nur noch im Hamsterrad drehen.

Yoga ist eigentlich ein Oberbegriff für alle Methoden der geistigen Entwicklung. Er umfasst eine reiche Tradition von vielen Tausend Jahren und hat ganz unterschiedliche Richtungen hervorgebracht, von denen wir einige nennen wollen:

Gemeinsam ist allen diesen Richtungen, dass es letztlich um die Erfahrung des Selbst (Atman) geht, die Entdeckung unserer eigenen innersten Natur, die Erkenntnis unserer eigenen innewohnenden Göttlichkeit. Das Selbst (Atman) ist ewig und frei. Wer sein Selbst erlebt, gelangt in einen Zustand unendlichen Glücks und vollkommener Freiheit, der mit Worten nicht zu beschreiben ist.
Der Sanskritbegriff für Gesundheit (Svasthya), der in den ayurvedischen Texten häufig benutzt wird, bedeutet wörtlich: “das Ruhen im Selbst”. Sva ist das Eigene, und das Einzige, was uns wirklich gehört, ist das Selbst; denn wir sind das Selbst, das Selbst ist unsere eigentliche Natur. Alles andere sind nur sekundäre Bezeichnungen wie Name, Alter, Beruf und Familienstand.

Wenn wir gesund sind, dann wird unser Geist nicht vom Körper gestört. Insofern ist Gesundheit ein wesentlicher Faktor, der zur geistigen Entwicklung gehört. Der Autor des klassischen Yoga-Leitfadens (Yoga Sutra des Patanjali, Sutra 1.30) nennt Krankheit als erstes Hindernis auf dem Weg des Yoga. Wer schon einmal versucht hat, bei starken Zahn- oder Kopfschmerzen zu meditieren, weiß, dass die Gedanken und Wahrnehmungen
ganz von dem Schmerz und nicht vom Selbst eingenommen werden. Nur bei längerer Meditationserfahrung gelingt es, durch den Schmerz hindurch auf eine innere Ebene jenseits des Schmerzes zu tauchen. Körperliche Beschwerden wie z.B. Rückenschmerzen können uns daran hindern, die Asanas zu praktizieren.

In diesem Sinne unterstützt der Ayurveda den Yoga, indem er eine gute Basis für das geistige Streben schafft. Auch wenn die letztendliche geistige Freiheit unabhängig von den köperlichen Funktionen ist, bedeutet die Krankheit ein Hindernis auf dem Weg. Das Ziel des ganzheitlich orientierten Yoga ist die Integration des Lebens, d.h. es geht um die Harmonisierung des körperlich-materiellen und des geistig-seelischen Seins. Wie der Ayurveda auch ist er kein Weg der strengen Askese, sondern ein Weg der Mitte, der von jedem Menschen ausgeübt werden kann, egal in welcher Lebenssituation er sich befindet.

Die Lenkung der Lebensenergie

Auch wenn es in manchen Büchern immer noch falsch steht, handelt es sich bei den Doshas Vata, Pitta und Kapha nicht um materielle Substanzen, sondern um verschiedene Aspekte der Lebensenergie, die sich aber auch körperlich in Form von Substanzen zeigen kann. In der modernen Medizin beginnt man schrittweise, den Mensch als ein hochkomplexes bioenergetisches System zu begreifen. Lebendige Materie lässt sich über die Eigenschaften der Dynamik und der Selbstorganisation beschreiben. In einem energetischen System hängt alles mit allem zusammen, so kommt es auch zu Fernwirkungen: Eine Störung im Fuß kann sich beispielsweise in der Form von Nackenschmerzen ausdrücken.
Die Doshas haben zwar ihren jeweiligen Hauptsitz im Körper, von dem aus sie wirken, aber eigentlich sind alle Doshas überall im Körper gegenwärtig. Dies wird noch deutlicher, wenn man die jeweils fünf Subdoshas genauer betrachtet. Schon in den alten vedischen Texten werden die fünf Aspekte von Vata, die Lebenshauche (Prana), genannt:

  1. Prana, der sich im Brust und Halsbereich mit der Tendenz nach oben bewegt
  2. Udana, der direkt für nach oben gehende Bewegungen insbesondere die Spracherzeugung sorgt
  3. Vyana, der im Herzen sitzt und die willentlich zugängliche Muskulatur
    aktiviert
  4. Samana, der im Unterleib die Verdauungsfunktionen reguliert
  5. Apana, der nach unten gehend insbesondere die Ausscheidungsfunktionen stützt.

Auch der Yoga beschreibt die Lebensenergien und tut dies gerade in Begriff en der fünf Pranas. Er will aber die natürliche Funktion verändern und einen neuen Funktionsmodus auf einer höheren Energieebene etablieren; dies wird die Erweckung der Kundalini-Shakti genannt. In der Hathayoga-Pradipika werden die Verschluss- oder Schleusentechniken (Bandha) beschrieben, dies sind insbesondere Mulabandha (u.a. eine Kontraktion des Beckenbodens), Uddhiyana Bandha (u.a. Bauchmuskeln nach hinten ziehen) und Jalandhara Bandha (u.a. Kinn und Brust in eine bestimmt Position bringen).
Mit diesen Methoden und speziellen Atemtechniken (Pranayama) wird die Lebensenergie nach oben gelenkt, so dass schrittweise alle Energiezentren (Cakra) aktiviert werden. Insbesondere Apana und Prana werden verändert, so dass es zu einer Zentrierung der Energie und damit auch zu einem feurigen Prozess kommt, der die Lebenskraft intensiviert. Im Ayurveda kann man in der Caraka-Samhita genaueres über Ojas lesen, das als feine Lebensenergie im Herzen sitzt. Diese Ausführungen sind nur im Lichte einer vertieften Yogapraxis verständlich.

Yoga und Ayurveda sind beides bewährte Systeme, die sich in ihrer Wirkung gegenseitig ergänzen. Man kann viel für seine Gesundheit tun, sollte aber darüber das geistige Fundament nicht vergessen. Wer nach innen schaut, kann im Außen harmonisch leben.

Erschienen im Ayurveda Journal 16

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Martin Mittwede
Martin Mittwede ist Religionswissenschaftler und Indologe. Lehrt Vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Frankfurt/Main, praktische Philosophie an der Universität Köln. Ein profunder Kenner der indischen Philosophie und der vedischen Tradition. Medizingeschichtliche Forschung im Ayurveda, langjährige Erfahrungen in der medizinischen Fortbildung. Führt Coachings für Menschen in Krisen- und Wandlungsphasen durch.