DEMENZ AUS AYURVEDISCHER SICHT

Die Ursache von Demenz liegt im Geist, ihre Auswirkungen machen sich zusätzlich im Körper und den Sinnen bemerkbar. Der Verlust des Erinnerungsvermögens wird im Ayurveda Smriti Bhramsha, der schleichende Abbau von Hirnmasse Majjakshaya genannt und bezieht sich auf das sechste von sieben Körpergeweben (Majja Dhatu = Knochenmark und Nervengewebe). Das vorherrschende Dosha ist Vata, welches Pitta und Kapha sekundär stören kann.
Im Ayurveda unterscheiden wir drei zentrale „Fakultäten“, also Fähigkeiten, des Geistes:

  • Buddhi = das Unterscheidungsvermögen
  • Dhriti = die Entschlossenheit und Willenskraft
  • Smriti = das Erinnerungsvermögen

Unser Geist wird von den drei Eigenschaften Sattva, Rajas und Tamas geprägt:

  • Unter Einfluss von Sattva, dem Prinzip der mentalen Balance, funktionieren alle drei Fakultäten altersgerecht perfekt.
  • Rajas, das Prinzip von Spannung und Energie, fördert unsere geistigen Fähigkeiten selektiv zum Erreichen persönlicher Ziele und Vermeiden unerwünschter Erfahrungen.
  • Unter Einfluss von Tamas, dem Prinzip geistiger Trägheit und Dumpfheit, werden alle drei Fakultäten geschwächt.

Bei einer Demenz kommt es zur Abnahme aller drei geistigen Fakultäten mit Defziten im kognitiven, emotionalen und sozialen Bereich. Demenzkranke können oft nicht mehr zwischen Traum, Vergangenheit und Realität unterscheiden (Buddhi Bhramsha) und halluzinieren. Der Verlust des Erinnerungsvermögens verhindert, Entscheidungen auf Basis vergangener Erfahrungen zu treffen.

DEMENZPROPHYLAXE – AUF DIE VORBEUGUNG KOMMT ES AN

Ein bewusstes und der eigenen Gesundheit zuträgliches Leben im ayurvedischen Sinne kann die Wahrscheinlichkeit, eine demenzielle Erkrankung zu entwickeln, deutlich reduzieren. Die bekannte Neurobiologin und Ayurveda Ärztin Vinod Verma beschreibt in ihrem Buch „Preven- tion of dementia“ zwölf Risikofaktoren, die es zu kontrollieren gilt:

  • Übermäßiger und falscher Gebrauch der Sinnesorgane
  • Inkorrekte Schulter- und Nackenhaltung
  • Falsche Atmung
  • Blockade der Nasenatmung
  • Chronisch wiederkehrende Erkältungen mit Schleimansammlungen, Sinusitiden
  • Chronische Vata-Imbalance
  • Allgemeine Schwäche, tiefe Erschöpfung
  • Bluthochdruck
  • Häufge mentale Anspannung und Gefühl der Hilflosigkeit
  • Schockerfahrungen und Traumata
  • Leben in der Vergangenheit, Ängste vor der Zukunft
  • Sprunghafte Gedanken

Das Ziel gemäß Verma ist der Erhalt und Schutz von Nervenzellen, Gehirnmasse und Sinnes-organen und die Sicherstellung von deren gesunder Interaktion.
Ergänzende Methoden der Demenzprophylaxe sind eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, berufliche und private Verwirklichung, aktives soziales Leben und Kontaktpflege sowie das tägliche Geistestraining.
Die Leistungsfähigkeit des Gehirns ist abhängig von seiner Nutzung. Deshalb sollte man immer wieder neue Herausforderungen suchen, ohne sich dabei zu überfordern. Neue Sprachen zu erlernen, einen Computer einzurichten und zu bedienen, sich auch im höheren Alter stetig weiterzubilden können wertvolle „Trainings“ gegen Demenz sein.
Meditation ist das beste Training für den Geist, das im Ayurveda empfohlen wird. Dadurch können Spannungen reguliert, der Geist zentriert, der Körper kontrolliert, die Sinne re- generiert und Emotionen gelöst werden.

AHARA – DIE AYURVEDISCHE ERNÄHRUNGSMEDIZIN BEI DEMENZ

Mediterrane Ernährung stellt aus westlicher Sicht eine gute Demenzprophylaxe dar: viel Gemüse, Obst, Olivenöl, Fisch und Vollkornbrot werden empfohlen. Die im fetten Fisch hochkonzentriert enthaltenen Omega-3-Fettsäuren werden auch als Nahrungs-ergänzungempfohlen, für Vegetarier und Veganer kommen Meeresalgenprodukte alternativ zum Einsatz.
Aus ayurvedischer Sicht ist Ghee als das beste Fett für unser Nervensystem täglich zu empfehlen. Dieses sollte durch Olivenöl und ein Nuss-/Kernöl (Beispiel Walnussöl) ergänzt werden. Das Mahlzeitensystem, die Wahl der Nahrungsmittelgruppen und ihrer Mengen-verhältnisse erfolgt im Ayurveda immer individuell anhand des Menschen und nicht nur anhand seines Krankheitsbildes. Deshalb ist hier eine pauschale Empfehlung bei Demenz nicht möglich.
Um das erhöhte Vata und Luftelement zu reduzieren, sollte regelmäßig warme, ölige und nährende Kost verzehrt werden.

VIHARA – DIE AYURVEDISCHE ORDNUNGSTHERAPIE BEI DEMENZ

Demenzkranke brauchen geregelte Tagesabläufe mit regelmäßigen Esszeiten, aktiven und passiven Elementen. Die Wirkung von Musik und Kunst ist seit einiger Zeit bekannt und kann in jedem Demenzstadium lindernd wirken. So ist das gemeinsame Singen und Musizieren stark emotionalisierend und verstärkt positive Gefühle.
Vastu Shastra, die vedische Lehre vom gesunden Wohnen, kann als „ayurvedische Milieu-therapie“ herangezogen werden. Diese zielt primär auf die Gestaltung von Wohnräumen zur Steigerung des Wohlbefndens der Betroffenen ab. Farben, Stoffe und Mobiliar können dieses stark beeinflussen und positive Erinnerungen wecken.

AUSHADHA – DIE AYURVEDISCHE PFLANZENHEILKUNDE BEI DEMENZ

Die Therapie mit Heilpflanzen zielt darauf ab, den Stoffwechsel im Nervengewebe zu ver- bessern, einer cerebralen Degeneration vorzubeugen und die Leistungsfähigkeit aller Nerven-zellen zu optimieren.
Hierfür kommen folgende Heilpflanzen mit antidementiver Wirkung zur Anwendung:

  • Withanja Somnifera = Ashvagandha (Winterkirsche)
  • Curcuma Longa = Haridra (Gelbwurz)
  • Bacopa Monnieri = Brahmi (Kleines Fettblatt)
  • Convolulus Pluricaulis = Shankhapushpi (Ackerwinde)
  • Centella Asiatica = Mandukaparni (Indischer Wassernabel)
  • Celastrus Paniculatus = Jyotishmatt (Baumwürger)
  • Nardostachys Jatamansi = Jatamansi (Indische Narde)
  • Acorus Calamus = Vacha (Kalmus)
  • Glycyrrhiza Glabra = Yashtimadhu (Süßholz)
  • Tinospora Cordifolia = Guduchi

Viele Wirkmechanismen dieser Pflanzen konnten in wissenschaftlichen Studien belegt werden, hier drei Beispiele:

  • Ashvagandha wirkt kognitions- und gedächtnissteigernd, adaptogen und verbessert die Anpassung an innere und äußere Stressoren. Ihre Withanamide hemmen freie Radikale, beugen der Amyloidbildung vor und blockieren das durch Amyloidablagerungen begünstigte Absterben von Nervenzellen.
  • Curcuma wirkt der Anhäufung von AmyloidPlaques entgegen und reduziert vorhandene.
    Zudem stellt es eines der effektivsten Mittel zur Entzündungshemmung und Reduktion freier Radikale dar.
  • Brahmi verbessert kognitive Funktionen, stärkt das Gedächtnis und schützt Neurone vor dem amlyoidinduzierten Zelltod durch Hemmung der zellulären Acetylcholinesterase Aktivität.

Die genaue Zusammenstellung der in Frage kommenden Heilpflanzen muss von einem er- fahrenen Ayurveda Diagnostiker und Therapeuten vorgenommen werden. Ich rate dringend von einer Selbstmedikation ab, die auch nachteilige Folgen haben kann.
Dass die genannten Pflanzen eine positive Wirkung auf das zentrale Nervensystem (ZNS) hinsichtlich der Demenzproblematik ausüben, ist mittlerweile unumstritten. Eine zentrale Fragestellung bleibt jedoch noch unzureichend beantwortet: Können die pflanzlichen Wirk- stoffe die Blut-Hirn-Schranke überwinden und damit das ZNS erreichen?
Zur Klärung dieser wichtigen Frage sind weitere Studien und Forschungen erforderlich. Bis dahin bauen wir auf die umfangreichen Erfahrungswerte aus klassisch-ayurvedischer Sicht. Interessant hierbei ist, dass der Ayurveda zur Therapie des Nervensystems sehr oft fettige Zubereitungen auf Basis von Ghee oder Sesamöl verwendet und diese nicht nur oral, sondern
auch über die Nase und die Haut verabreicht. Aus westlicher Sicht kann dies ein Weg sein, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden.

Teil 1 des Artikels „Wenn das Gedächtnis schwindet Teil 1“

Erschienen im Ayurveda Journal 44

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Das Ayurveda Journal beschäftigt sich in dieser Ausgabe als Titelthema mit dem Schwerpunkt „Demenz“.

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