Serie: ayurvedische Kräuter aus wissenschaftlicher Sicht – Teil 7

Tulsi oder Tulasi (bedeutet „unvergleichlich“) ist die Pflanze, die jeder Inder kennt. Sie gilt
als heilig und wird auch aufgrund ihrer wohltuenden Eigenschaften von Millionen Menschen auf
dem gesamten indischen Subkontinent verehrt. Der Überlieferung nach ist sie die Mani-festation der Göttin Lakshmi, der Hindugöttin des Reichtums und des Wohlstands. Sie genießt seit Tausenden von Jahren einen legendären Status in der hinduistischen Kultur und schmückt Häuser und Tempel in ganz Indien.

Tulsi gehört zur Familie der Lippenblütler und ist mit dem europäischen Basilikum verwandt. Der botanische Name lautet Ocimum sanctum, die deutsche Bezeichnung ist „Königs-basilikum“ oder „Heiliges Basilikum“. Es ist eine aromatische, krautige Pflanze, die eine Höhe von bis zu einem Meter erreicht und in den warmen Regionen Indiens weit verbreitet ist. Sie ist auch als Gartenpflanze sehr beliebt und Teil vieler indischer Haushalte. Die Pflanze wird auch zur Abwehr von Mücken gehalten. Tulsi kommt in unterschiedlichen Sorten vor, vor allem als Weißes Tulsi (Shweta Tulsi) und Schwarzes Tulsi (Krushna Tulsi). Beide Sorten
haben ganz ähnliche Eigenschaften.

Ayurvedische Eigenschaften von Tulsi

Verwendete Pflanzenteile: Blätter
Dosha: besänftigt Vata und Kapha, erhöht Pitta
Rasa (Geschmack): scharf und bitter
Guna (Eigenschaften): trocken und leicht
Virya (Wirkkraft/Potenz): wärmend
Vipaka (Wirkung nach der Verdauung): scharf

Chemische Bestandteile

Die Pflanze enthält mehrere aktive Stoffe. Zu den bekanntesten gehören Eugenol und Ursolsäure. Die Blätter enthalten ca. 0,7 % ätherisches Öl.

Von der Vergangenheit in die Gegenwart

Von Tulsi-Tee haben sicherlich viele schon etwas gehört. Sein sanfter Geschmack hat eine leicht zitronige Note und eine milde Schärfe. Es gibt ihn als Einzeltee oder Beimischung in Kräutertees vielerorts zu kaufen und er wird bereits als Heilmittel für alles Mögliche
gehandelt. Tulsi gilt manchmal schon als neues Superfood aus Indien. Aber was ist dran an dem Hype? Fakt ist: Der Ayurveda kennt Tulsi, seine verschiedenen Darreichungsformen
und wohltuenden Wirkungen schon seit Tausenden von Jahren. Tulsi ist Teil vieler indischer
Haushalte und gehört in Indien zur heimischen Kräuterapotheke. Dem Ayurveda ist nichts neu an Tulsi. Neu sind allerdings die wissenschaftlichen Studien, von denen einige exemplarisch genannt werden.

Erfahrungswerte im Ayurveda

Im Ayurveda werden Tulsi viele positive Eigenschaften zugeschrieben. Aus ayurvedischer Sicht aggraviert Tulsi Pitta, also facht das Verdauungsfeuer (Agni) an und fördert die Verdauung. Es ist daher effektiv bei schwachem Verdauungsfeuer und wird im Ayurveda auch zum Schutz der Leber empfohlen.

Tulsi besänftigt Kapha und Vata und hat eine kräftigende Wirkung auf die Atemwege. Der Saft der Blätter ist erwärmend und wirkt schleimlösend vor allem im Brustbereich. Tulsi nimmt die Kälte und bringt Erleichterung bei Husten, Erkältung und Atemwegsbeschwerden. Es gilt als Rasayana, insbesondere zur Stärkung der Immunkraft im Atemapparat.

Aufgrund ihrer blutreinigenden Eigenschaften und ihrer Beziehung zum Rakta Dhatu (Blut bzw. rote Blutkörperchen) wird die Tulsi-Pflanze bei verschiedenen Hautstörungen eingesetzt. Sie wird auch als Deodorant verwendet.

Gestörtes Vata kann für Konzentrationsmangel, Lernschwierigkeiten, schlechtes Gedächtnis und die Unfähigkeit zur Anpassung an Stress verantwortlich sein. Tulsi beruhigt Vata, baut Stress ab, befreit von Tamas und verbessert so die Mentalfunktionen und verhilft zu geistiger Klarheit.

Klassische Darreichungsformen

Dosierung: Blättersaft: 10 bis 20 Milliliter; Pulver aus den Blättern: 3 bis 4 Gramm täglich

Tulsi im Spiegel wissenschafticher Studien

Zahlreiche Untersuchungen haben sich mit den Wirkungen
der Tulsi-Pflanze beschäftigt. Hier einige Beispiele:

  • Viele Studien bestätigen, dass Tulsi Stress reduziert¹, Angst lindert² und antidepressiv wirkt.³
  • Ebenfalls konnte ihre Wirkung als Antioxidans⁴ und Immunostimulator⁵ nachgewiesen werden.
  • Andere Untersuchungen haben gezeigt, dass Tulsi möglicherweise blutzuckersenkende Eigenschaften hat und den Cortisolspiegel senkt.⁶
  • Einige Studien wiederum belegen ihre entzündungshemmende sowie eine den Magen und die Leber schützende Wirkung.⁷

zum Schluss

Die überlieferten Wirkungen und das traditionell weitergegebene Wissen um die positiven Eigenschaften von Tulsi werden von ersten wissenschaftlichen Studien untermauert.
Angesichts des großen Einsatzspektrums der Tulsi-Pflanze kann man nachvollziehen, weshalb man sie die „Unvergleichliche“ nennt. Auch deshalb erscheint es durchaus angemessen, dass sie als „heiliges“ indisches Basilikum bezeichnet wird.

Hinweis der Redaktion:

Da die hier genannten Studien nur Vorstudien sind und als solche nicht den Standards der wissenschaftlichen, westlichen Medizin entsprechen, sind die gemachten Wirkaussagen nur gültig im Zusammenhang mit der ayurvedischen Gesundheitslehre und deren Terminologie. Es
gibt keine pharmakologische und krankheitsheilende Wirkung im Sinne der westlichen Medizin. Tulsi wird lediglich als Lebensmittel verwendet. Es ist kein Arzneimittel.

¹ J Contemp Dent Pract. 2012 Nov 1; 13 (6): 782-6. Efficacy of Ocimum sanctum for relieving stress: a preclinical study. Bathala LR, Rao ChV, Manjunath S, Vinuta S, Vemulapalli R.
² Anc Sci Life. 1994 Jul; 14 (1-2): 108-11. Anxiolytic activity of ocimum sanctum leaf  extract. Chattopadhyay RR.
³ Pharm Biol. 2011 May; 49 (5): 477-83. Evaluation of ethanol leaf extract of Ocimum sanctum in experimental models of anxiety and depression. Chatterjee M, Verma P, Maurya R, Palit G.
⁴ Redox Rep. 2005; 10 (5): 257-64. Antioxidant and radioprotective properties of an Ocimum sanctum polysaccharide. Subramanian M, Chintalwar GJ, Chattopadhyay S.
⁵ J Ethnopharmacol. 2011 Jul 14; 136 (3): 452-6. Double-blinded randomized controlled trial for immunomodulatory effects of Tulsi (Ocimum sanctum Linn.) leaf extract on healthy volunteers. Mondal S, Varma S, Bamola VD, Naik SN, Mirdha BR, Padhi MM, Mehta N, Mahapatra SC.
⁶ Pharmazie. 2004 Nov; 59 (11): 876-8. Hypoglycaemic effects of some plant extracts are possibly mediated through inhibition in corticosteroid concentration. Gholap S, Kar A.
⁷ Inflamm. Allergy Drug Targets. 2013 Nov 24. Anti Inflammatory, Gastrointestinal
and Hepatoprotective Effects of Ocimum Sanctum Linn: an Ancient Remedy With New Application. Kamyab AA, Eshraghian A.

Erschienen im Ayurveda Journal 55

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Dr. Shubhangee Satam M.D. (Ayurveda) ist Ayurvedaärztin und ausgewiesene Expertin im Gebiet des Dravyaguna und verfügt über langjährige Erfahrungen sowohl im Bereich der klinischen Praxis als auch in der ayurvedischen Pharmazie. Sie arbeitet als Beraterin für führende, international tätige Ayurveda-Pharma-Unternehmen und ist als Seminarleiterin in Europa und den USA tätig.