Als ich vor wenigen Tagen in einem Messehotel am Frühstücksbuffet meinen eigenen Orangensaft aus halbierten Früchten presste, war ich wieder einmal überrascht: Um ein Glas mit 200 Milliliter Saft zu füllen, benötigte ich sechs halbe Orangen! Als Frucht hätte ich diese Menge niemals verzehrt, vom Saft hätte ich sicherlich noch weitere Gläser trinken können.
Viele Menschen trinken täglich Fruchtsäfte aus Konzentraten mit hohem Zucker- und Kaloriengehalt.

Da Obst weithin als „gesund“ eingestuft wird, macht man sich selten Gedanken, ob der morgendliche Multivitaminsaft wirklich zuträglich ist. Nachfolgend stelle ich daher Obstsäfte auf den ayurvedischen Prüfstand.

Fakt ist:

Obst (Phala) ist eine von zwölf Nahrungsmittelgruppen im Ayurveda und wird vom Wasser-element dominiert. Die häufigsten Geschmacksrichtungen sind süß, sauer und herb. Süße und herbe Sorten wirken kühlend, saure Sorten sekundär erhitzend.

Die Wirkung auf die Doshas lässt sich wie folgt zusammenfassen:

  • Süßes Obst – steigert Kapha, senkt Pitta und Vata.
  • Saures Obst – erhöht Pitta und wirkt reizend auf das Blutgewebe.
  • Herbes Obst – erhöht Vata und senkt Pitta.

Obstsäfte werden im Ayurveda wie Nektar (Amrit) betrachtet, wenn Sie aus frischen, süßen, reifen, saisonalen Früchten der Umgebung gewonnen und in Maßen verzehrt werden. Dann wirken sie befeuchtend, kühlend, nährend und wohltuend – Qualitäten, die im Ayurveda als Rasayana (regenerierend) bezeichnet werden. Als hochwertigste Frucht wird die Weintraube
(Vitis vinifera) angesehen, die all diese Kriterien erfüllt.

Frischsäfte aus Heilpflanzen werden im Ayurveda als Svarasa bezeichnet. Die empfohlene Tagesdosis liegt zwischen 20 und 60 Milliliter. Fruchtsäfte können sicherlich höher dosiert werden, da sie keine Heilpflanzenextrakte im engeren Sinne darstellen.

Fazit:

Die Dosis macht den Unterschied! Achten sie künftigauf die Qualität der Früchte, deren Saft Sie regelmäßig genießen möchten. Trinken Sie nie mehr als 1 Glas (200 ml) täglich raum-temperiert. Eine Kühlung erhöht zusätzlich Kapha und Vata Dosha.

Gewürze können unerwünschte Nebenwirkungen einiger Obstsorten ausgleichen. Durch Zugabe von Ingwer machen Sie Ihren Saft leichter verdaulich, Kardamom und Nelken lindern Atemwegsbeschwerden mit Verschleimung und schützen den Magen.

Wenn Sie unter chronischen Kapha- (zum Beispiel Atemwegserkrankungen) oder Pitta-Störungen (zum Beispiel Hauterkrankungen) leiden, sprechen Sie zuerst mit einem erfahrenen Ayurveda-Therapeuten, ob und welche Sorten für Sie geeignet sind. Ansonsten
kann aus dem Nektar schnell „Gift“ werden und der so leckere Saft Ihre Beschwerden verschlimmern.

Erschienen im Ayurveda Journal 47

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