Adipositas betrifft heute jeden dritten Erwachsenen in Deutschland. Bis zum 30. Lebensjahr sind eher Männer betroffen, ab dem 40. Lebensjahr leiden besonders Frauen darunter. Auch die Zahl der übergewichtigen Kinder steigt trotz aller Bemühungen an Schulen und Kinder-gärten stetig. Wie können übergewichtige Menschen mit Hilfe von Ayurveda das Körperge-wicht reduzieren und halten?

Wie entsteht Übergewicht?

Übergewicht kann nur entstehen, wenn die tägliche Kalorienaufnahme langfristig den Energieverbrauch des Körpers übersteigt. Dabei spielen meist mehrere Faktoren eine Rolle.

1. Veranlagung

Innerhalb von Familien kann Übergewicht gehäuft vorkommen. Jeder Mensch hat einen sogenannten Grundumsatz, das heißt er verbrennt in völliger Ruhe eine bestimmte Anzahl von Kalorien. Die Höhe dieses Grundumsatzes ist wohl genetisch festgelegt. Manche
Menschen können einfach mehr essen ohne zuzunehmen, andere verbrauchen weniger Kalorien. Der Grundumsatz kann durch Sport und Bewegung gesteigert werden.

2. Störungen im Essverhalten

Manche Menschen essen häufiger und schneller als andere. Bei ihnen stellt sich das Sättigungsgefühl auch bei hoher Kalorienzufuhr erst spät ein. Dies ist möglicherweise
hormonell bedingt: Bei jeder Mahlzeit wird der Magen gedehnt und sendet entsprechende Signale in Form von Hormonen und Nervenreizen an das Gehirn. Der Füllzustand des Magens wird so an das Gehirn gemeldet und das Sättigungsgefühl entsteht. Bei Störungen dieser Übermittlung stellt sich das Sättigungsgefühl zu spät ein, und man isst mehr als eigentlich nötig.

3. Psychologische Ursachen

Kummer, Angst, Stress, Langeweile, Frustration, mangelndes Selbstbewusstsein und andere Störungen können zu Hunger führen, der mit übermäßigem Essen gestillt wird. Mit der Adipositas geht ein Gefühl spiritueller Leere einher, wobei viele Menschen diese Leere auf die
eine oder andere Art mit Essen füllen wollen. Unglückliche Menschen essen oft mehr, um sich besser zu fühlen.

4. Mangelnde Bewegung

Der „sitzende Lebensstil“ in den Industrieländern führt zu Bewegungsmangel mit einem geringeren Energieverbrauch. Außerdem wird dadurch die Verdauung gestört.

5. Medikamente

Die Pille, Cortison und viele Psychopharmaka können den Appetit steigern und über eine vermehrte Nahrungsaufnahme und Wassereinlagerungen die Entstehung von Übergewicht fördern.

6. Andere Grunderkrankungen

Erkrankungen von hormonproduzierenden Organen – wie zum Beispiel eine Schilddrüsen-unterfunktion – können zu Übergewicht führen.

Alle Daten, die in Studien gesammelt werden konnten, bestärken die Annahme, dass Fettleibigkeit das Risiko für Herzinfarkt, für Altersdiabetes, für Herzkrankheiten, für Krebs und zahlreiche andere Gesundheitsprobleme erhöht:
Arthrose, Kurzatmigkeit, Schlafapnoe, Insulinresistenz, erhöhte Blutfettwerte, erhöhte Entzündungsneigung, Thrombose, Bluthochdruck, Metabolisches Syndrom.

Außerdem wird die Lebenserwartung allgemein verkürzt.

Auf psychischer Ebene leiden adipöse Menschen meist unter einem Schweregefühl, Antriebs-losigkeit und einem Mangel an Entschlossenheit und Selbstdisziplin.

Wie definiert sich krankhaftes Übergewicht?

Ein Wert dafür ist der sogenannte Body-Mass-Index: Er wird folgendermaßen berechnet:
BMI = Körpergewicht in kg geteilt durch Körpergröße
in m² (Meter zum Quadrat).

Beispielrechnung: Bei einer Körpergröße von 1,64 Meter und 67 Kilogramm Körperge-wicht wird gerechnet:
1,64 x 1,64 = 2,69, teilen Sie dann das Gewicht von 67 durch diesen Wert:
67: 2,69 = ein BMI von 24,91.

Laut WHO bedeutet ein BMI zwischen 18,5 und 24,5 Normalgewicht, kleiner als 16 bedeutet Untergewicht, größer als 30 bedeutet behandlungsbedürftiges Über-gewicht (Adipositas).

Wenn Sie 170 cm groß sind, sollten Sie also ein Gewicht zwischen 55 und 70
kg haben. Ab 86 kg hätten
Sie ein Gewicht, das zu Gesundheitsschäden
führt und behandelt werden sollte. In der Tabelle sehen Sie den stetig steigenden Anteil von Deutschen mit Übergewicht,
d.h. mit einem BMI über 30.

Die Entwicklung von Fettleibigkeit aus ayurvedischer Sicht

Atisthaulya (Fettleibigkeit) wurde von Charaka, dem indischen Arzt und Autor klassischer Ayurveda-Schriften, als eine der acht schwer behandelbaren Krankheiten bezeichnet.
Wenn ein Mensch eine übermäßige Ansammlung von meda (Fettgewebe) und mamsa (Fleisch) hat, die zu einer Schlaffheit und Wabbeligkeit von Hüften, Bauch und Brust führt, wird das als Atisthaulya bezeichnet.

Meda-Dhatu besteht besonders aus den Elementen Erde und Wasser – genau wie Kapha. Die Eigenschaften sind ölig (snigdha), schwer (guru), massiv (sthula), schleimig (picchila), weich (mridu) und dicht (sandra). Das Fettgewebe hat hauptsächlich die Aufgabe, die anderen Gewebe zu ölen, Schweiß zu produzieren, Festigkeit zu geben und die Knochen zu nähren. Wenn wir Nahrung zu uns nehmen, die schwer verdaulich, kalt, fetthaltig und süß ist und uns dazu wenig bewegen, wird Meda überernährt, während die anderen Dhatus zu wenig Nahrung bekommen.

Charaka schreibt, dass das erhöhte Meda zu mehreren schwerwiegenden Konsequenzen führt: die Lebensspanne wird verringert, Enthusiasmus und Aktivität nehmen ab, wir haben
weniger Kraft, Schwierigkeiten beim Sex, der Schweiß bekommt einen schlechten Geruch, wir schwitzen übermäßig und bekommen Hunger und Durst!

Charaka nennt als Gründe Bewegungsmangel, übermäßigen Genuss von fettigen Nahrungs-mitteln und übermäßiges Essen. Als Folge daraus sieht auch er schon Diabetes. Das bedeutet, Übergewicht entsteht durch eine Kapha-Störung, verbunden mit einem schwachen Agni (Verdauungsfeuer), das sowohl auf der Dhatu- (Gewebe-) Ebene als auch auf der Gesamt-verdauungsebene im Magen und Dünndarm zu Ama (Unverdautem) führt. In der Folge werden von Ama die Srotas (Körperkanäle) blockiert. Dadurch wird Meda gestört, nach-folgende Gewebe werden dann schlecht ernährt, besonders Asthi (Knochen), Majja (Knochenmark) und Shukra (Fortpflanzungsgewebe).

Je nach Vorherrschen von Vata, Pitta oder Kapha in der Prakriti nehmen wir langsamer oder schneller zu:

Ein Vata-dominanter Mensch ist geneigt, seinen Stress mit Süßem (auch Saurem, Salzigem) zu vermindern – entsprechend würde er eher schadhaftes Bauchfett, besonders bei sitzender Tätigkeit, ansammeln.

Ein Kapha-dominanter Mensch liebt das Essen und interessiert sich lebhaft für Restaurant-kritiken und Kochrezepte. Er weiß, dass er eine Torte nur anschauen muss, um zuzunehmen
und wird sich dementsprechend zurückhalten. Sein Übergewicht verteilt sich auf den ganzen Körper – und entsteht oft auch durch Lymphstau und Wassereinlagerungen.

Ein Pitta-dominanter Mensch hat eine regelmäßige Verdauung und mittags gewöhnlich Hunger – aber er überisst sich selten. Erst in der Kombination mit Vata oder Kapha entstehen bei ihm Gewichtsprobleme, meist rund um die Hüfte und Oberschenkel.

Nach Ayurveda nimmt das Verdauungsfeuer besonders im Alter ab. Der verminderte Stoff-wechsel führt leicht zu einer Gewichtszunahme, vor allem bei Menschen mit hohem Kapha-
Anteil in der Prakriti. In der zweiten Lebenshälfte sollen deshalb Bewegung gefördert, erhöhte Kalorienzufuhr und kalte Nahrungsmittel und Getränke vermieden werden.

In der Kindheit (bis zum 15. Lebensjahr) ist Kapha das dominante Dosha, d.h. in dieser Phase der Entwicklung können Kinder leicht übergewichtig sein – der hohe Stoffwechsel und aus- reichende Bewegung lassen bei gesunder Ernährung aber kein über die Pubertät andauerndes Übergewicht zu.

Im Erwachsenenalter vermindert zum Beispiel ganz oft ein durch Stress erhöhtes Vata-Dosha Agni. Das führt zu Heißhungerattacken und dem Gefühl, Süßes zu benötigen. So ist das Essverhalten bei vielen Übergewichtigen stressbedingt gestört: Es wird zu häufig, zu viel und zu schwer gegessen. Dadurch entsteht noch mehr Ama, das sich mit den Doshas verbindet und dann zu den bekannten Saama-Symptomen (Saama bedeutet: zusammen mit Ama) führt.

Körperliches Ama kann also zu psychischen Beschwerden führen. Auf der Ebene der drei Gunas erhöht sich mit der Adipositas Tamas – „geistiges Ama“.

Wie können wir mit Ayurveda Übergewicht dauerhaft reduzieren?

Dazu gibt es ein Paket aus mehreren Maßnahmen:
Ernährung, Lebensstiländerung, Heilpflanzen, Marmatherapie, Yoga und natürlich: Panchakarma, die königliche Therapie.

1. Ernährung – Ahara

Nach Charaka muss die Ernährung Vata- und Kaphareduzierend sein, bitteren Geschmack haben, heiße Wirkung haben, leicht und trocken sein und das Verdauungsprodukt muss scharf sein.

Vihara – Die Veränderung des Lebensstils betrifft vor allem das „wie“ der Nahrungsaufnahme:

  • Essen in Ruhe – gutes Kauen
  • Regelmäßige Essenszeiten
  • Fünf Minuten ruhiges Sitzen nach dem Essen
  • Mittagessen als Hauptmahlzeit
  • Drei Stunden vor dem Schlafen nichts mehr essen
  • Keine kalten Getränke zum Essen
  • Milch und Sahne nicht zu salzigem, saurem Essen
  • Essen frisch zubereiten, Gewürze verwenden
  • Honig nicht über 40°C erhitzen
  • Zwei Hände voll genügen pro Mahlzeit
  • Dem eigenen Geschmack vertrauen lernen

Heißes Wasser trinken, Ingwer und Kurkuma und Honig sind dabei einfache und effektive Nahrungsmittel. Dazu kommen Methoden zur Stressreduktion, denn mit erhöhtem Vata kann
niemand Gewicht abnehmen.

Vata wird reduziert durch Ruhe, Wärme, Öl und Regelmäßigkeit. Ein Öl, das Vata und Kapha reduziert, ist z.B. Sahacharadi-Öl.
Regelmäßige Entspannungsübungen, die Vataund Kapha reduzieren, sind z.B. Yoga-Übungen mit Vorbeugen, z.B. das Blatt oder auch Drehübungen wie das Krokodil.

Aushadha: Besondere Heilpflanzen zum Fett- und Ama-Abbau (Medohara and Lekhaniya Dravyas)

Die Heilpflanzen müssen scharf und bitter sein. An erster Stelle steht die „Dreierschärfe“ Trikatu. Es feuert Agni an, räumt die Srotas frei und aktiviert den Gewebestoffwechsel.
Nach dem indischen Arzt Vagbhata (Autor des Klassikers „Kern der Medizin“) sind 10 Pflanzen
fettreduzierend (medohara), darunter Vidanga (Embelia ribes), Nagara (getrockneter Ingwer), Chitraka (Plumbago zeylanica), Erandamula (Rhizinuswurzel) und Haridra (Gelbwurz).

Außerdem sind natürlich Triphala (Amla, Haritaki, Bibhitaki), Guggulu (Commiphora mukul), Vrukshamla (Garcinia indica), Lashuna (Allium sativum) und Gurmar (Gymnea sylvestre) hilfreich im Management von Begleiterkrankungen wie Hyperlipidämie und Diabetes. Gurmar wird auch “Zuckerzerstörer” genannt, es fördert die Verdauung, unterstützt die Funktion der Leber, wirkt gegen Fieber, Schmerzen und Entzündungen. Beim Kauen der Blätter werden die Geschmacksrezeptoren der Zunge für bitter und süß für eine Weile blockiert. Die Schwierigkeit bei der Behandlung mit Heilkräutern: Patienten verlassen sich gern darauf – und hoffen, dass eine magische Pille alles wieder richten wird. Es gehört zur Aufgabe von Therapeuten, sie zielsicher zur Eigenverantwortung zu führen, sonst werden die besten Mittel nicht lange nutzen.

Marma-Chetana (Berühren der Marma-Energiepunkte) ist dabei ein einfacher Therapieansatz, um eigenes Handeln am Körper zu üben.

Die PatientInnen müssen zuerst lernen, für sich selber zu sorgen, weil es oft Personen sind, die sich zuerst um andere kümmern.

Eine Pancha-Karma Kur kann eine wichtige Erfahrung sein: Berührung, Ruhe und relativ schnelle Gewichtsabnahme am Anfang bestätigen die PatientInnen im Weitermachen.

Ich schlage zunächst eine kurze ambulante Maßnahme vor, die dann beliebig erweitert werden kann.

Ohne Ölanwendungen wird eine Woche Ama reduziert mit mindestens 250 ml heißem, gekochtem Wasser morgens früh und abends vor dem Schlafengehen, es sind nur drei Mahlzeiten täglich erlaubt, das Abendessen sollte „suppig“ sein. Wichtig ist, sich mittags satt zu essen. Dann folgen vier Tage Udvartana („Trocken-Massage“) mit Gerstenschrot und der Triphala-Gruppe, fünf Tage Abhyanga mit Sahacharadi Öl, dazu jeden zweiten Tag Shirodhara (Stirnguss). Abends ist die Standardmedikation: zwei Tabletten Triphala zu einem leichten Dhal, mittags gibt es Reis und Gemüse, morgens ein Glas Molke oder ayurvedische Butter-milch, die Agni anregend wirken.

In der Nachkur wird wie in der Vorkur verfahren: Abends vor dem Schlafengehen kommen zwei Kapseln Ashvagandha dazu, um Vata-Störungen zu beruhigen. In der begleitenden Beratung sollen Übergewichtige lernen, die Nahrung genauer zu betrachten und wieder
Bezug zu ihren „Lebensmitteln“ bekommen. Ausschlaggebend ist die Wahl unserer Lebens-mittel, der Umgang mit unserem Körper, unseren Emotionen und unserem Geist. Viele Generationen lang hatten wir keine wirklich gesundheitsbewusste Einstellung zum Leben.

Das Problem liegt nicht einfach nur in der Anhäufung von Fett. Verarbeitete und raffinierte Nahrungsmittel können nicht so leicht verdaut werden wie Gemüse vom Feld. So entstehen Schlacken (Ama), die mit Lymphe gemischt zwischen den Zellen gelagert werden und für die
normale Verdauung nicht mehr erreichbar sind.

Adipositas ist eine Kombination der Anhäufung dieser unverdaulichen Materialien, gepaart mit massenhaft ausgeschütteten Resten von Neurotransmittern und erschöpfter Verdauungs-kapazität. So wird unser Fettgewebe zum Mülleimer unseres Körpers. Nennen wir dieses
dicke Körpergewebe also besser gar nicht mehr Fettgewebe, weil es eher ein Haufen Ama ist. Umgangssprachlich gehört es auch schon nicht mehr zum Körper:

Wir kämpfen gegen Cellulite, Rettungsring und Bierbauch!

Alle Zellen im Körper des Menschen (egal, ob übergewichtig oder nicht) beinhalten Fett. Die Zellmembran, die die Grenze zwischen zwei Zellen bildet, nennt man Lipid-Doppelschicht, und
sie besteht aus Fett – etwa 50 Prozent gesättigtes und 50 Prozent ungesättigtes Fett beispielsweise in einer typischen Blutzelle. An der Oberfläche jeder Zelle existiert demnach eine Schicht Fettmoleküle.

Die richtige Mischung aus gesättigten und ungesättigten Fetten in guter Qualität ist nötig, um die korrekte Funktionsweise einer Zelle in ihrer Gesamtheit zu gewährleisten. Ist dies nicht der Fall, wird der Körper andere verfügbare Fettmoleküle einbauen. Bei übergewichtigen Menschen enthält die Zellmembran eine entartete Mischung von Fettmolekülen.

Die kurzfristige Folge davon ist, dass die Fettzellen nicht länger richtig funktionieren.
Sie werden größer und erlauben eine noch größere Anhäufung der falschen Lipide.

Wir können das weit verbreitete „Convenience-Food“ nicht für alle Übel verantwortlich machen. Aber im Laden sind Nahrungsmittel die Norm, die vollständig aus industriell erzeugten Stoffen bestehen. Künstlich hergestellte Zutaten wie gehärtete und teilweise gehärtete Öle, die in vielen Studien mit verschiedenen chronischen Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Adipositas in Verbindung gebracht wurden, befinden sich in fast allen vorgefertigten Nahrungsmitteln. Hinzu kommen Konservierungsmittel, Geschmacksverstärker und Süßstoffe.
Menschen mit Übergewicht müssen also lernen, wieder natürliche Lebensmittel zu sich zu nehmen.

Die momentane Diskussion um Adipositas neigt dazu, alle Verantwortlichkeit für das grund-sätzliche Problem auf diejenigen zu schieben, die davon betroffen sind. Das ist jedoch nur zur Hälfte berechtigt. Wenn keiner mehr Nahrungsmittel aus industrieller Fertigung kauft, würde die Nahrungsmittelindustrie aufhören, diese zu produzieren. Jeder von uns kann sich jederzeit
verändern.

Erschienen im Ayurveda Journal 46