Antworten jenseits von ja oder nein

Im Ayurveda, der alten Wissenschaft vom Leben, gilt die konstitutionsgerechte Ernährung als wichtiger Baustein bei der Aufrechterhaltung der Gesundheit. Fleischkonsum an sich wird in den alten Schriften nicht ausgeschlossen. Aber es gibt genaue Vorstellungen davon, welches Fleisch von wem wann gegessen werden kann und von welcher Qualität es sein sollte. Neben diesem detaillierten Wissen gibt es in Indien, dem Mutterland des Ayurveda, auch ethische
und religiöse Hinweise in Bezug auf den Konsum von Fleisch. Aber fangen wir mit den alten Schriften und Überlieferungen an.

Kategorisierung in den alten Schriften

Im Ayurveda wird die Nahrung in unterschiedliche Kategorien eingeteilt, z. B. Gruppen von Getreide, Hülsenfrüchte, Blattgemüse, Fleisch, Obst usw. Zur Kategorie Fleisch gehören Geflügel, Säugetiere und Fische. Diese werden wiederum je nach Lebensraum und Fressge-wohnheiten in Gruppen unterteilt. Die allgemeinen Eigenschaften dieser Fleischuntergruppen
und einzelner Tiere werden in den alten Schriften detailliert beschrieben.

Die Hauptgruppen beim Fleisch sind:

  1. Fleisch von Tieren, die sich in Trocken- und Waldgebieten aufhalten
  2. Fleisch von Tieren, die sich im Wasser oder in Feuchtgebieten aufhalten

Diese Gruppen werden wiederum in diverse Untergruppen eingeteilt. Die Eigenschaften der verschiedenen Gruppen sowie einzelner wichtiger Geflügelarten und Säugetiere werden beschrieben. Für Vierfüßler gilt ganz allgemein, dass das Fleisch von weiblichen Tieren schwerer verdaulich ist als das von männlichen, während es bei Geflügel umgekehrt ist.

Die ayurvedische Wirkung von Fleisch

Will man die Wirkung der Nahrung ganz allgemein in einem Satz zusammenfassen, lässt
sich sagen: „Fleisch fördert das Wachstum“ und „Fleischsuppe nährt“.

Fleisch gilt in Bezug auf den Geschmack und das Verdauungsprodukt als süß. Es fördert das
Wachstum, benötigt Zeit für die Verdauung, ist nährend und besänftigt Vata. Es heißt, dass kein anderes Nahrungsmittel so nährend wirkt wie Fleisch.

Gemäß Ayurveda ist das Fleisch von Tieren, die in trockenen Gegenden und Waldgebieten leben, von der Wirkkraft her kühlend, leicht verdaulich und wird bei Störungen empfohlen, die alle drei Doshas betreffen (bei einer Dominanz von Pitta, mäßig erhöhtem Vata und leicht erhöhtem Kapha). In Bezug auf den Geschmack gilt das Fleisch dieser Gruppe als süß und adstringierend, trocken, kräftigend, wachstumsfördernd und vitalitätssteigernd. Es entfacht das Verdauungsfeuer und wird bei Störungen und Ungleichgewichten von Vata empfohlen.

Das Fleisch von Tieren, die in Feuchtgebieten leben, ist vom Geschmack her süß. Es ist öligfeucht, benötigt Zeit zum Verdauen, dämpft das Verdauungsfeuer ein wenig, ist schleimig, nährt die Muskeln, verstärkt Kapha und ist in der Regel gesundheitsfördernd.

Welche Qualität sollte das Fleisch haben?

In Bezug auf den Fleischkonsum empfiehlt der Ayurveda den Verzehr von Fleisch von Tieren,
die frisch geschlachtet wurden. Es sollte nicht verunreinigt sein und von ausgewachsenen Tieren stammen, die in einer natürlichen Umgebung artgerecht gelebt haben. Das Fleisch von Tieren, die eines natürlichen Todes gestorben sind, die stark ausgemergelt waren, die übermäßig fett waren, und von Tieren, die an Krankheiten oder bei Unfällen wie Ertrinken oder durch Vergiftung gestorben sind, sollte nicht verzehrt werden.

Fleisch aus Massentierhaltung entspricht nicht den Empfehlungen des Ayurveda. Tiere, die in Fabriken aufwachsen, leben nicht in ihrer natürlichen Umgebung. Im Gegenteil: Sie wachsen unter furchtbaren Bedingungen auf, werden mit Medikamenten behandelt und sind unter Umständen vielleicht auch krank. Oft wird das Fleisch nach der Schlachtung eingefroren und erreicht erst Wochen später den Konsumenten. Das alles sind Dinge, die vor mehreren Tausend Jahren, als sich der Ayurveda entwickelte und formte, nicht vorstellbar waren.

Die spirituelle Dimension

Auch aus spirituellen Gründen essen (nicht nur in Indien) viele Menschen kein Fleisch. Der Verzehr von Fleisch fördert Tamas, also Dumpfheit und Trägheit, und kann damit ein Hindernis auf dem Weg zur Erreichung höherer Bewusstseinszustände sein. Aus spiritueller Sicht widerspricht Fleischkonsum dem Prinzip der Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebewesen und
hält den Menschen im Zyklus der Wiedergeburt gefangen. Dies gilt gemäß einer alten indischen Schrift über angemessenes Verhalten (Manusmriti) insbesondere für den Verzehr von Schweinefleisch.

Die besondere Rolle von Hühnerfleisch

Spezielle Aufmerksamkeit widmet der Ayurveda dem Hühnerfleisch. Es gehört zu den Nahrungsmitteln, die man laut ayurvedischer Vorstellung regelmäßig verzehren kann. Huhn gehört zur Kategorie der Hühnervögel. Diese Tiere scharren im Futter, bevor sie es zu sich nehmen. Im Allgemeinen ist das Fleisch dieser Gruppe leicht verdaulich, von der Wirkkraft her
kühlend und vom Geschmack her süß und leicht adstringierend. Als Verdauungsprodukt ist es scharf. Es stärkt den Körper, ist aphrodisierend und gesundheitsfördernd. Es unterstützt die Heilung von Krankheiten, die auf der Verunreinigung aller drei Doshas beruhen (stark verun-reinigtes Pitta, mäßig verunreinigtes Vata und leicht verunreinigtes Kapha).

Insbesondere Hühnerfleisch ist ölig-feucht, wärmend und adstringierend im Geschmack. Es fördert das Schwitzen und besänftigt Vata. Es benötigt allerdings Zeit für die Verdauung und bedarf eines gut funktionierenden Agni (Verdauungsfeuer). Es kräftigt den Körper, baut Muskeln auf und nährt das Shukra-Dhatu. Das Fleisch von Haushühnern erhöht in der Regel Kapha und ist im Vergleich zum Fleisch von Wildhühnern schwerer verdaulich. Das Fleisch von
Wildhühnern ist ölig-feucht. Es erhöht auch Kapha, besänftigt Vata und Pitta, fördert das Wachstum und wird bei Schwächezuständen empfohlen.

Hühnereier

Die Eier von Hühnern werden im Ayurveda als Mittel zur sofortigen Stärkung beschrieben. Sie sind süß und verursachen kein Brennen. Interessanterweise wird im Ayurveda auch die Eier-schale in Form von Bhasma (mineralische Veraschungen, die in Deutschland nur teilweise erlaubt sind) als hervorragende Kalziumquelle genutzt. Als Kalziumquelle verbessert dieses Bhasma die Knochendichte und wird auch bei Osteoporose und ihren Vorstufen eingesetzt. Es wird als unterstützender Bestandteil auch in der Menopause empfohlen.

Fazit: Mehrere Faktoren spielen eine Rolle

Insgesamt kann man sagen, dass Hühnerfleisch nährt, das Wachstum fördert, Vata besänftigt und tendenziell Kapha erhöht. Es wird daher bevorzugt bei Zuständen von aggraviertem Vata und einer Konstitution mit dominierendem Vata eingesetzt. Bei einer Konstitution mit domi-nierendem Kapha und Zuständen von aggraviertem Kapha wie einem hohen Cholesterin-spiegel, Fettleibigkeit usw. ist allerdings Vorsicht geboten. Der Verzehr von Hühnerfleisch kann also in einigen Fällen eine positive Wirkung haben. Dies gilt aber, wie so vieles im Ayurveda, nicht als eine absolute Wahrheit, sondern muss bezogen auf die Konstitution individuell
beurteilt und abgewogen werden.

Erschienen im Ayurveda Journal 56

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Dr. Shubhangee Satam M.D. (Ayurveda) ist Ayurvedaärztin und ausgewiesene Expertin im Gebiet des Dravyaguna und verfügt über langjährige Erfahrungen sowohl im Bereich der klinischen Praxis als auch in der ayurvedischen Pharmazie. Sie arbeitet als Beraterin für führende, international tätige Ayurveda-Pharma-Unternehmen und ist als Seminarleiterin in Europa und den USA tätig.