„Gehen Sie abends vor 22 Uhr ins Bett, und stehen Sie morgens vor 6 Uhr auf“ – das ist eine häufige Empfehlung ayurvedischer Ärzte und Therapeuten. Diese ist gut gemeint, so erreichen Sie einen tieferen Schlaf und kommen morgens dynamischer aus dem Bett. Aber lässt sich diese Empfehlung ganzjährig gleichermaßen anwenden, und ist sie wirklich für jeden geeignet?

Fakt ist: Im klassischen Ayurveda werden Tag und Nacht chronobiologisch in je drei Phasen eingeteilt, die durch jeweils ein Funktionsprinzip bestimmt sind.

  • Erstes Tagesdrittel: Kapha dominiert
  • Zweites Tagesdrittel: Pitta dominiert
  • Drittes Tagesdrittel: Vata dominiert
  • Erstes Nachtdrittel: Kapha dominiert
  • Zweites Nachtdrittel: Pitta dominiert
  • Drittes Nachtdrittel: Vata dominiert

Häufig lesen Sie in ayurvedischen Büchern die entsprechende Zeiteinteilung:
 

© Illustration:corridor/www.corridor.at

 

Diese Einteilung trifft auf genau zwei Tage im Jahr zu, an denen eine Tag-und-Nachtgleiche herrscht – um den 21. März und den 21. September.
Der Tag beginnt mit dem Sonnenaufgang, die Nacht nach Sonnenuntergang. Im Juni beträgt das Sonnenlicht 16 Stunden, im Dezember nur acht. Entsprechend verändern sich die Phasen gemäß Sonnenstand durch das ganze Jahr hindurch in einem dynamischen Prozess.
Die ayurvedische Chronobiologie beschreibt die Rhythmen der Natur, an die wir Menschen uns anpassen sollten, um gesund zu bleiben. Bei Licht sollten wir aktiv sein, bei Dunkelheit ruhen. Naturvölker leben nach diesen Gesetzen seit Jahrtausenden – die „zivilisierte Welt“ macht hingegen zunehmend die Nacht zum Tag und umgekehrt. Das bleibt nicht folgenlos: Schlafstörungen, Tagesmüdigkeit und Konzentrationsmangel sind nur manche der Symptome, unter denen viele Menschen leiden.

Aus ayurvedischer Sicht ist es optimal, die Schwere und Ruhe von Kapha am frühen Abend zu nutzen, um in den Tiefschlaf zu gleiten. Morgens lässt uns Vata vor Sonnenaufgang mit Leichtigkeit und Beweglichkeit aufwachen und in den Tag starten. Mittags ist Feuerzeit, Pitta schenkt uns Energie und lässt uns bestens verdauen.
Gemäß unserer Konstitution haben wir Menschen unsere eigenen Biorhythmen, die wir an die Naturrhythmen anpassen sollten. Sind Sie ein Nachtschwärmer und Eulenmensch oder eher eine Lerche, die den frühen Morgen liebt?

Mein Tipp:

Probieren Sie es aus! Verändern Sie Ihre Rhythmen jeweils für vier Wochen und vergleichen Sie die Erfahrungen miteinander. Am Ende zählt: Was sich gut anfühlt, ist richtig. Passen Sie zudem Ihren Tag-Nacht-Rhythmus an die Jahreszeiten an. Im Sommer können Sie etwas früher aufstehen, im Winter später – Ihr Körper wird es Ihnen danken. Wenn Sie unter einer Krankheit leiden oder berufsbedingt nachts aktiv sein müssen, ist eine individuelle Rhythmusplanung sehr wichtig. Im Ayurveda gibt es viele Möglichkeiten, auch unter diesen belastenden Bedingungen eine gesundheitsgerechte Lösung zu finden. Fragen Sie hierzu einen fachkundigen Therapeuten.

Erschienen im Ayurveda Journal 42