Auch wenn im modernen Europa die meisten Menschen eine Lebensweise haben, die schein- bar unabhängig von jahreszeitlichen Einflüssen ist, sind sie auf einer tieferen Ebene dennoch eingebunden in die Vorgänge und Wechselwirkungen der Natur.

Da wir uns in klimatisierten Räumen aufhalten und mit künstlichem Licht unsere Nächte erleuchten, erschließt sich diese Tatsache nicht auf den ersten Blick. Viele Menschen bemerken nicht mehr, wie die Jahreszeiten die Vorgänge im menschlichen Körper und Geist maßgeblich beeinflussen. Im Ayurveda, der Wissenschaft vom Leben, wird eine der Jahreszeit angepasste Ernährung und Lebensweise empfohlen.
Gesundheit ist die natürliche Harmonie der Gewebe, Organe und Bioenergien (Doshas) im Einklang mit den natürlichen Rhythmen der Natur. Krankheit entsteht durch Disharmonien. Abendessen zur Nachtzeit, Erdbeeren im Januar und Joggen im Sommer bei 35°C sind einige Beispiele dafür.

Jahreszeiten in Indien und Europa

Die Jahreszeiten und die Übergänge von einer Jahreszeit in die nächste verlaufen in den verschiedenen Regionen der Erde sehr unterschiedlich. In Indien, dem Ursprungsland des Ayurveda, wird das Jahr in sechs Jahreszeiten eingeteilt. Hier in Europa gibt es die uns bekannten vier Jahreszeiten. Der Frühling beginnt auf der nördlichen Halbkugel zur Frühjahrs-Sonnenwende um den 21. März, wenn die Sonne ihren nördlichen Lauf beginnt. Da sowohl Indien als auch Europa auf der nördlichen Halbkugel liegen, sind die Jahreszeiten nur rein klimatisch von der Aufteilung und Benennung her unterschiedlich, unterliegen aber gleicher- maßen dem Lauf der Sonne.

Aufteiluung der Jahreszeiten in Europa

Frühling – 21. März bis 20. Juni

Sommer – 21. Juni bis 21. September

Herbst – 22. September bis 20. Dezember

Winter – 21. Dezember bis 20. März

Die Aufteilung der Doshas (Bioenergien) über das Jahr folgt einem etwas anderen Rhythmus und ist von den klimatischen Bedingungen bestimmt:

Dominanz der Doshas in den Jahreszeiten

Frühjahr – 21. März bis 20. Juni

Kapha vermehrt, Pitta nimmt zu, Vata vermindert

Sommer – 21. Juni bis 21. September

Kapha vermindert, Pitta nimmt weiter zu, Vata schwach

Herbst – 22. September bis 20. November

Kapha schwach, Pitta stark, Vata nimmt zu

Winter – 21. November bis 20. März

Kapha nimmt zu, Pitta schwach, Vata stark

 

Witterungsbedingte „Ausreißer“ in die eine oder andere Richtung können die Eigenschaften der einzelnen Zyklen beeinflussen beziehungsweise verfälschen. Daher sollte man sich eher an den tatsächlichen klimatischen Bedingungen orientieren.

Frühjahrsqualitäten

In Europa kann man immer wieder erleben, wie unterschiedlich Jahreszeiten in unserer Klimazone verlaufen können. Wir kennen Frühling mit fast sommerlichen Temperaturen schon im März, aber auch mit Schnee bis in den April hinein. Am Beginn des Wachstums der Pflanzen und am Ende des Winterschlafs der Tiere lässt sich deutlich erkennen, welchen Einfluss die Jahreszeiten auf alle lebenden Organismen und damit auch auf den Menschen haben.

Zeit der Anpassung und des Übergangs

Den Frühling empfinden viele Menschen in unserer Klimazone als die Zeit des Aufbruchs und
der Erneuerung, verbunden mit der Hoffnung auf Licht, Farben und Wärme. Der Einfluss des
Mondes und dessen kühlende und kraftspendende Wirkung nehmen beim Wechsel vom
Winter zum Frühling ab, die wärmende aber auch schwächende Wirkung der Sonne nimmt
zu. Für das Gemüt bedeutet der Frühling für die meisten Menschen aufblühende Lebens- freude. Dennoch nehmen im Verlauf der warmen Jahreszeit die körperlichen Kräfte ab, wie
später an manch heißem Sommertag deutlich zu spüren ist.

In vielen Kulturen dieser Erde ist das Frühjahr auch eine Zeit der Reinigung, wie z. B. die christliche Fastenzeit vor Ostern. Der ayurvedischen Auffassung nach sollten bei jedem
Übergang von einer Jahreszeit zur nächsten körperlich und geistig ausgleichende Maß-
nahmen durchgeführt werden. Angepasste Ernährung und Schlafdauer, Yogaübungen und
Mantren helfen beim Übergang in die nächste Jahreszeit. Dabei werden Alter, Gesundheits-zustand und auch die durch die individuelle Verteilung unserer Bioenergien (Doshas) bestimmte Konstitution berücksichtigt.

Mass und Überfluss

Eine der Jahreszeit nicht angepasste Lebensweise und Ernährung kann die Qualität und
Quantität der Doshas im menschlichen Körper und Geist stören. In der ayurvedischen
Betrachtungsweise spielt das Kapha-Dosha im Frühling eine ganz besondere Rolle.
Ka bedeutet Wasser und pha gedeihend. Kapha ist das Dosha, das uns körperliche Kraft, Geschmeidigkeit und Erinnerungsvermögen gibt.

Je nach Lebensweise und Ernährung, aber auch durch kühle und feuchte Witterungseinflüsse kann sich Kapha über den Winter im menschlichen Körper übermäßig anreichern oder seine Eigenschaften verändern. Dann begünstigt Kapha mit seinen Eigenschaften kühl, feucht, schleimig und träge unter anderem die im Frühjahr häufig auftretenden verschiedenen Er- kältungskrankheiten. Auch die Frühjahrsmüdigkeit ist ein Phänomen, das maßgeblich vom Kapha-Dosha beeinflusst wird.

Reduzierung und Ausleitung

Durch den zunehmenden Einfluss der Sonne verflüssigt sich das kühle und zähe Kapha im Organismus. Dadurch kann das Kapha im Körper leichter bewegt und auch durch die sogenannten Panchakarma-Behandlungen besser ausgeleitet werden. Durch die Einnahme von erhitzenden Kräutern, wie z. B. Ingwer, einer ausgleichenden Diät und viel Bewegung kann Kapha reduziert und in seinen Eigenschaften positiv verändert werden.

Frühling und Ernährung

Die variablen Verläufe des Frühlings erfordern eine speziell abgestimmte Ernährung. Die pro- portionalen Anteile der Geschmacksrichtungen süß, sauer, salzig, scharf, bitter und herb sind je nach Gesundheitszustand, Jahreszeit, Konstitution sowie Alter anzupassen. In besonderen Fällen ist es vielleicht notwendig, einen Geschmack stark zu reduzieren oder ganz weg- zulassen. Die unten in der Tabelle genannten Geschmacksrichtungen und Eigenschaften sind Ernährungsempfehlungen für den Frühling, die sich auf die jeweiligen Dosha-Konstitutionen beziehen.

Vata

süß, scharf, warm, etwas fettig und etwas sauer

Pitta

süß, bitter, mäßig scharf und mäßig warm, zusammenziehend

Kapha

scharf, warm, trocken, etwas zusammenziehend

Entschlackung im Frühjahr

  • Morgens ca. 7 Uhr: eine Tasse warmes Wasser mit frisch gepresstem Zitronensaft und einem Teelöffel Honig auf nüchternen Magen trinken (regt den Stoffwechsel an).
  • Bis zu einer halben Stunde vor dem Mittagessen alle 30 Minuten eine Tasse heißes, mindestens 10 Minuten gekochtes Wasser trinken, das in einer Thermoskanne aufbewahrt wird.
  • Mittags zwischen 12 und 14 Uhr: frisch gekochte Gemüsesuppe oder Gemüse mit vielen frischen Kräutern, Reis oder Nudeln (Nudeln nur in der Suppe), aber ohne Fett und Fleisch, soviel man mag. Nur bei starker Vata-Dominanz ein wenig Sesamöl hinzufügen.
  • Ab einer Stunde nach dem Mittagessen bis 30 Minuten vor dem Abendessen wieder regel- mäßig eine Tasse gekochtes Wasser trinken.
  • Abends nicht später als 18 Uhr: wie mittags frisch gekochte Gemüsesuppe oder Gemüse essen. Bitte nicht die Reste vom Mittag aufwärmen.
  • Zwischendurch dürfen, falls der Hunger groß ist, Reiswaffeln gegessen werden. Bei der Auswahl des Gemüses und der Kräuter orientieren Sie sich bitte an den oben in der Tabelle genannten Geschmacksrichtungen. Besonders geeignete Gemüse: Artischocke, Bitter-gurke, Brokkoli, Erbsen, Fenchel, Kartoffeln, Lauch, Okraschoten, Paprika, Rote Bete, Sellerie, Spinat und Spargel.

Sie können diese Frühjahrskur nach eigenem Ermessen zwischen drei und sieben Tagen, am besten im April oder Mai, durchführen. Die jahreszeitlich bedingte Dominanz von Kapha wird harmonisiert und Sie werden eine neue Leichtigkeit und Frische verspüren.
Unterstützend können Kräuterpulver oder -presslinge eingenommen werden, z. B:

  • Triphala – gleicht alle drei Doshas aus
  • Trikatu – Kapha reduzierend, nicht bei übermäßigem Pitta verwenden
  • Hingvashtaka – reduziert Kapha und Vata, stärkt das Agni (Verdauungsfeuer)

Kommen Sie gut und leicht durch den Frühling!

Erschienen im Ayurveda Journal 53

Ayurveda Journal 53 Cover

Das Ayurveda Journal beschäftigt sich in dieser Ausgabe als Titelthema mit dem Schwerpunkt „Ayurvedisch Leben“.

Heft 53 im Shop bestellen
TEILEN
Vorheriger ArtikelSchilddrüsenerkrankungen – ayurvedisch begleiten
Nächster ArtikelAyurvedische Mundpflege
Michael Rohrschneider
Michael Rohrschneider, Heilpraktiker (Psychotherapie und Naturheilverfahren), Ayurveda-Spezialist, Pancha-Karma-Therapeut, Seminarleiter, Meditationslehrer. Seit 1990 im Ayurveda tätig. Seit 8 Jahren Leiter des Zentrums für Ayurveda-Medizin Hamburg. Ausbildungen in Indien an verschiedenen Kliniken und Hospitälern in Pune und Nagpur und am Ayurveda College in Coimbatore.