In Phoenix, Arizona fand in diesem Sommer der Jahreskongress des amerikanischen Heil-praktiker-Verbands statt. Ich war eingeladen, einen Vortrag über die Behandlung der Aufmerk-samkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zu halten. Aus klassisch ayurvedischer Sicht liegt der Ursprung dieser Beschwerden im Herzen. Denn laut Ayurveda ist das Herz der Sitz der Psyche, von Ojas (dem Lebenselixier oder der Gesamtimmunität) und Purusha (dem nichtmateriellen Funken oder Seele). Als Europäer brauchen wir uns gar nicht darüber zu wundern, denn auch nach unserem Verständnis geht die stärkste menschliche Emotion, die Liebe, vom Herzen aus. Selbst in unserem digitalen Zeitalter werden täglich unzählige Herz-Emojis ins weltweite Netz geschickt – auch von Kardiologen. Keinem anderen Organ wird so
viel Bedeutung gezollt – und das mit gutem Grund.

Herzliche Fakten

Das Herz ist so groß wie Ihre Faust. Wenn Sie alle Blutgefäße aneinanderreihen könnten, ergäbe sich eine Gesamtlänge, die zweieinhalbmal um den Erdball reicht. Durch dieses Labyrinth wird das Blut in 24 Stunden rund 1.000 Mal zirkuliert. Dazu pumpt Ihr Herz
5.000 bis 6.000 Liter Blut. Für diese herausragende Leistung verdient Ihr Herz alle Beachtung und Unterstützung. Woher wohl schöpft es die immense Energie, die es dazu braucht? Genau, aus Ihrer Ernährung. Wenn Sie also nicht regelmäßig Nahrung aufnehmen, zu wenig,
zu viel oder unpassende, dann kann Ihr Herz diese Arbeit nicht mehr richtig erbringen. So einfach ist das.

Hridaya – Bedeutung und Etymologie

Im Sanskrit heißt Herz „Hridaya“. Die Funktionen des Hridaya wurden vor über 3.500 Jahren von Charaka (Autor einer klassischen Schrift über den Ayurveda) wie folgt beschrieben:

  • HRI bedeutet Wegnehmen. Damit ist das „verbrauchte“ Blut aus den Organen und Zell-strukturen gemeint.
  • DA heißt, etwas schenken. Das mit Sauerstoff und Nährstoffen angereicherte Blut versorgt
    sämtliche Bereiche des Körpers.
  • YA ist die Funktion des Erhaltens: Dazu gehören die Organe, aber auch die Sinnes-wahrnehmung, die Immunität und die Wahrnehmung von uns selbst als Individuum.

Das Herz und sein System

In der systemischen Vorstellung des Ayurveda gibt es Srotas – Hohlorgane, die zum Trans-port von Nährstoffen und Abfallprodukten dienen und die sich durch den ganzen Körper ziehen. In ihnen finden auch wichtige Stoffwechselprozesse statt. Unsere Organe wiederum
sind in das System der Srotas eingebettet. Im Ayurveda wird das Herz mit den Haupt-gefäßen, die von ihm ausgehen, als kontrollierendes Organ dieser feinsten Körperkanäle
betrachtet. Das Herz nimmt also eine wichtige, übergeordnete Funktion im System der
Srotas und Organe wahr, und die reibungslose Steuerung dieser Abläufe ist wichtig für die Gesundheit an sich. Sollten Fehlfunktionen des Herzens auftreten, muss bei Ursachen-forschung, Diagnostik und Therapie der systemische Gesamtzusammenhang betrachtet werden.

Allgemeine Tipps für ein gesundes Herz

  • kurz vor Sonnenaufgang nach sieben bis acht Stunden erholsamen Schlafes aufstehen
  • Morgens auf nüchternen Magen empfehle ich, ein Glas warmes Wasser mit einem Teelöffel
    Honig und einem viertel Teelöffel Kurkuma einzunehmen.
  • Tägliche Körperübungen oder Yoga Asanas stärken nicht nur Muskeln und Faszien, sondern
    fördern auch den Kreislauf und heben die Stimmung.
  • Richtiges Atmen (z. B. Pranayama) verbessert die Sauerstoffaufnahme des Blutes und stärkt die Herzfunktionen.
  • Eine regelmäßige, konstitutionell angepasste Ernährung zur richtigen Zeit und in richtiger
    Menge garantiert die Zufuhr von genug frischer Energie.
  • Tagesschlaf, ausgenommen ist ein kurzer Powernap, muss vermieden werden.
  • Langes Wachbleiben bewirkt ein Austrocknen und damit eine Verhärtung (Sklerose) der Blutgefäße.
  • Negativer Stress sollte vermieden werden und emotionale Belastungen mittels Yoga, Meditation oder glücklich machenden Aktivitäten ausgeglichen werden.

Typische , Herzstärkende Nahrungsmittel sind:

  • alle Getreidearten außer den gentechnisch manipulierten
  • Gemüse: sämtliche Kohlarten, Auberginen, Kürbis, Brokkoli, Karotten, Blattgemüse, Zwiebeln, grüne Bohnen, Radieschen, Rettich
  • Hülsenfrüchte: grüne Erbsen, gelber Mung-Dal, Soja
  • Früchte: Trauben, Mango, Granatapfel, Grapefruit, Amalaki, Zitrusfrüchte und Datteln
  • Nüsse: Mandeln und Walnüsse
  • Gewürze: Kurkuma, Asafoetida, Dill, Kümmel, schwarzer Pfeffer, Ajwain, Kreuzkümmel,
    Chili, Pippali, Ingwer, Knoblauch und Steinsalz
  • weitere Grundnahrungsmittel wie Sesamöl, Olivenöl, Ghee (nicht bei Kapha), Honig und
    Milch

Ursachen von Herzerkrankungen

Die Ursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in den meisten Fällen vermeidbar. Charaka sagt dazu: „Überessen, schwere und fettige Speisen, geringe körperliche Aktivität, die Gewohnheit, lange zu sitzen und zu viel Schlaf führen zu Herzerkrankungen aufgrund eines Kapha-Überschusses.“ Hinzu kommen ein zu hoher Salzkonsum, Joghurt nach Sonnenuntergang, rotes Fleisch, kalte Speisen und Getränke, Tiefkühlnahrung, Aufge-wärmtes, Konserven, übermäßiger Alkohol-,Kaffee- oder Schwarzteekonsum, Rauchen, Hormonpräparate wie die Pille, körperliche und geistige Überanstrengung, Übersäuerung,
Auszehrung und Trauma.

Arten von Herzerkrankungen

Wie grundsätzlich in der ayurvedischen Krankheitslehre üblich, teilt man die verschiedensten Herzleiden entsprechend der Beteiligung von Vata, Pitta, Kapha, Mischtypen und exogenen Faktoren ein. Schauen wir einmal, wie das in der Praxis aussieht.

Bluthochdruck

Ein stattlicher, knapp fünfzigjähriger Mann, der 120 Kilo auf die Waage brachte, kam in meine Praxis aufgrund massiver Rückenschmerzen, verursacht durch einen Bandscheibenvorfall. Er litt auch unter stark erhöhtem Blutdruck und Schlafstörungen. Zusätzlich waren die Blut-zucker- und Blutfettwerte zu hoch.

Hier liegt ein typischer Fall von Kaphaja Hirdroga vor, eine Herzerkrankung, die aus einem starken Überschuss von Kapha bei einer Vata-Kapha-Konstitution resultiert. Ich setzte ihn auf eine strikte Kapha reduzierende Ernährung mit ausschließlich warmen Speisen und Getränken. Der Leidensdruck war offensichtlich so groß, dass er meine Vorgaben strikt einhielt und inner-halb von sechs Wochen 17 Kilo verlor. Ich empfahl ihm ein hochkonzentriertes Phytopräparat (nur in der Schweiz erhältlich), das hauptsächlich die Terminalia-Rinde (Arjuna) und dazu Knoblauch und Schlangenwurz enthält. Der Blutdruck normalisierte sich, so auch die Schlaf-störungen und die Blutfettwerte. Dazu bekam er Centella asiatica (Mandukaparni), das mental stabilisiert. Für den Rücken gab ich ihm ein spezielles Kräuteröl, das er täglich mit gutem Erfolg anwendete.

Einem anderen Patienten, einem Manager mit ausgeprägter Pitta-Konstitution und durch Übersäuerung bewirkten Bluthochdruck (Pittaja) musste ich eine strikte Anti-Pitta-Diät ohne Kaffee, Wein und Nikotin verordnen. Ich empfahl zusätzlich Sport, eher von spielerischer
Art und nicht verbissen gegen sich selber antretend sowie die Pflege von Aktivitäten, die ihm
Freude bereiten. Pflanzliche Nahrungsergänzungen mit Shatavari und Ashwagandha sowie ein hochkonzentriertes Brahmi unterstützten die Normalisierung des Blutdrucks.

Anders sieht es bei durch erhöhtes Vata bedingten Herzbeschwerden (Vataja) aus. Sie liegen
oft darin begründet, dass die Herzmuskulatur zu wenig Energie erhält. Unregelmäßige Nahrungsaufnahme, Essstörungen, nährstoffarme Speisen oder Überanstrengung bilden meist die Ursache. Hier muss der ganze Organismus gezielt aufgebaut werden. Diese Störungen
gehen meist einher mit einer Erschöpfungsdepression, kognitiven Defiziten oder Verhaltungs- störungen. Damit wären wir wieder am Anfang dieser Geschichte angelangt.

Fazit

Das Herz spielt also auch im Ayurveda eine zentrale Rolle, sowohl in physischer als auch in psychischer Hinsicht. Ungleichgewichte können durch erhöhtes Vata (Vataja), Pitta (Pittaja) oder Kapha (Kaphaja) entstehen und müssen entsprechend differenziert therapiert werden. Unser Herz bringt ohne jede Pause Höchstleistungen. Für eine gesunde Funktion braucht es konstitutionsgerechte Nahrung, positive emotionale Eindrücke und Zeiten der Ruhe und Ent-spannung, um sich regenerieren zu können.

Erschienen im Ayurveda Journal 55

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Hans H. Rhyner
gilt international als Experte für Ayurveda. Er lebte 25 Jahre in Indien und praktizierte dort in seiner eigenen Klinik in Bangalore. Er blickt auf 40 Jahre klinische Erfahrung zurück, die er insbesondere im Bereich Diagnostik, Panchakarma und ayurvedische Heilmittelkunde einsetzt. Er ist in seiner Praxis in Teufen, im Ayurveda Parkschlösschen Bad Wildstein und in Wien tätig.
www.ayurveda-rhyner.com, Institut in Wien: Naglergasse 3, 1010 Wien